Rudi Assauer

Wo ist sein Geld geblieben?

Rudi Assauer, der 74 Jahre alt wurde, war schwer an Demenz erkrankt

Von Stefan Willeke
DIE ZEIT

Von Haustieren wird die Rede sein, von Meerschweinchen, die in einer Villa ihr eigenes Zimmer bekamen. Um eine Sekretärin wird es gehen, die Söldner heißt und sich auch so benimmt, um einen Fußballverein, der hartgesottene Typen weichkochte, um einen Nationaltorwart, der Altenwohnungen kaufte, um eine Tatort-Kommissarin, die dasselbe tat, um eine Ehefrau, die sich in einem bizarren Scheidungsdrama aufrieb. Nicht zu vergessen den Schönheitschirurgen, der eine notorische Leidenschaft für Trüffel entwickelte.

So heiter könnte man die Verhältnisse rund um Rudi Assauer erzählen, den verstorbenen Manager des Fußballclubs Schalke 04 in Gelsenkirchen. Aber die Geschichte verliert sofort ihre Leichtigkeit, wenn man einer Frage nachgeht, die trotz aller juristischen Konflikte bis heute nicht geklärt worden ist: Wo ist Assauers Vermögen geblieben?

Sieben Jahre lang wurde er von seiner Tochter Bettina Michel in ihrem Haus in der Ruhrgebietsstadt Herten gepflegt. Im Februar 2019 starb er. Die ZEIT hat Dutzende Interviews geführt und Hunderte Dokumente eingesehen, von Vermögenslisten bis zum Totenschein, von ärztlichen Gutachten bis zu Protokollen mit SMS-Nachrichten. Und alles läuft auf die Frage hinaus: Wenn ein kranker Mensch im Jahr 2010 ein Vermögen von rund 2,3 Millionen Euro besaß und wenige Jahre später fast nichts mehr – was ist mit dem Geld passiert?

Viel spricht dafür, dass Rudi Assauer ausgeplündert wurde. Ein Rechtsanwalt, der jetzt als Nachlasspfleger das Erbe zu regeln hat, schreibt einem Gericht: "Es sind derzeit gar keine flüssigen Mittel vorhanden."

Leere Konten bei Rudi Assauer? Er war eine der schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs, einer, der es zu viel Geld und großer Bekanntheit gebracht hatte – wie Reiner Calmund, Rudi Völler und Uli Hoeneß.

Der Fall Rudi Assauer ist einer, in dem sich die Ängste vieler Menschen spiegeln. Alzheimer. Vor dieser Diagnose hatte er sich stets gefürchtet. Seine Mutter war daran erkrankt, sein älterer Bruder ebenfalls. Assauer flüchtete zunächst vor dem Befund, indem er versuchte, ihn zu ignorieren.

Er war so eitel, dass er sich in der Sauna fotografieren ließ – und dieser Mann sollte den Verstand verlieren? Das konnte er nur schwer ertragen. "Ich bin der Erste, der diese Krankheit besiegt", sagte er einmal. Das war ein großer Irrtum.

Angst vor Alzheimer ist auch Angst vor dem Kontrollverlust. Wer bestimmt über mich, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage bin? Wer bemächtigt sich meines Eigentums? Weil oft alles in der Familie bleibt, wenig nach außen dringt und sich die Demenzkranken kaum artikulieren können, bekommt selten jemand mit, wenn sie geschröpft werden.

Viele Rechtsanwälte kennen solche Fälle. Aufklären lassen sich die Vorgänge oft nur, wenn sich Gerichte damit befassen. Meist bleibt es bei vagen Beschuldigungen.

Auch der Fall Assauer ist verwickelt. Steuerberater, Richter und nahe Angehörige spielen in diesem Drama mit, Notare, Ärzte, Freundinnen, ehemalige Ehefrauen, viele Frauen.

Rudi Assauers Tochter Bettina Michel ist heute 55 Jahre alt. Als sie 1965 auf die Welt kam, war ihr Vater gerade mal 21 Jahre alt, ein noch unbekannter Fußballspieler. Bettinas Mutter und Rudi Assauer heirateten nicht, es war eine flüchtige Beziehung, als Familie lebten sie nie zusammen.

"Ich habe meinen Vater erst mit 17 Jahren kennengelernt", schrieb Bettina Michel später in einem Buch, das 2014 erschienen ist. Als Kind habe sie dem Vater einmal einen Brief geschickt, sie wollte ihn treffen, aber Assauer antwortete ihr so: "Schreibe mir nicht mehr! Dieser Brief wird auch der letzte sein, den ich dir schreibe."

Das ist wichtig zu wissen, weil der Mensch, der ihm viele Jahre lang wenig bedeutete, später noch sehr bedeutend werden sollte.

Im Jahr 1970 zog Assauer nach Lilienthal in der Nähe von Bremen. Da hatte er gerade geheiratet und mit seiner Frau eine Tochter bekommen, Katy Assauer. Er wurde Assi gerufen, und so gab er seiner Tochter Katy den Spitznamen Assiline.

Fragt man sie heute nach ihrer Jugend, dann erzählt sie von ihrem Pferd, das sie als 19-Jährige besaß und das plötzlich krank wurde. Der Kiefer des Pferdes war vereitert, die Operation sollte 3000 D-Mark kosten. Heimlich besorgte sie sich einen Kredit bei der Bank. Als ihr Vater dahinterkam, löste er das Darlehen ab und hielt ihr eine Standpauke: "Assiline, wir leben nicht über unsere Verhältnisse."

Der Vater zwang sie, den Kredit bei ihm restlos abzustottern. "Im Grunde war er ein konservativer Mann", sagt Katy Assauer. Zwischen sechs und sieben Uhr morgens begann er zu arbeiten. Er hatte nichts übrig für unnötige Anschaffungen, Jahr für Jahr fuhren sie im Urlaub nach Wangerooge. Er liebte einfache Dinge, Kochfisch mit Senfsauce. "Ein Mensch mit gehobenem Lebensstandard, aber ohne Pomp", so beschreibt ihn ein früherer Freund.

Gehoben, aber nicht abgehoben, so blieb es ein Leben lang.

Nach seiner aktiven Zeit wurde Assauer Fußballmanager, zweimal heuerte er beim FC Schalke an. Unter ihm und dem Trainer Huub Stevens, mit dem Assauer eine lebenslange Freundschaft verband, holte die Mannschaft 1997 den Uefa-Cup, die größte Trophäe der Vereinsgeschichte. Vier Jahre später wurde Schalke beinahe deutscher Meister, der Traum platzte im letzten Moment, und wer sich alte Videos anschaut, der sieht in Assauers Gesichtszügen die Entfesselung von hemmungsloser Euphorie und bodenloser Tragik.

Manchmal schaute Bettina Michel, die ältere Tochter, in der Geschäftsstelle des Vereins vorbei. Aber Assauer beachtete sie kaum. Das berichtet einer der Angestellten, die eng mit ihm zusammenarbeiteten.

"Er schien froh zu sein, wenn sie wieder weg war. Er hatte eine Tochter aus seiner Ehe, da war das Verhältnis viel herzlicher. Das spürte man schon bei der Umarmung." Die Tochter aus seiner Ehe, Katy Assauer, habe er "abgöttisch geliebt", sagt Beate Schneider, die mit ihm elf Jahre lang, bis 1998, zusammenlebte.

"Aber von Bettina hat er nie viel wissen wollen. Ihre vorlaute und polternde Art, das lag ihm nicht." Doch Bettina Michel gab nicht auf, sie setzte viel daran, eine Beziehung zum Vater aufzubauen.

Der Mai 2006 wurde für Assauer, damals 62 Jahre alt, zu einem Schicksalsmonat. Der Verein trennte sich von ihm. Nun saß er zu Hause in seiner dunkelroten Backsteinvilla in Gelsenkirchen-Buer und konnte es nicht fassen: Er war draußen. "Die haben mir ein Stück meines Herzens rausgerissen", sagte er.

Für das Zerwürfnis gab es mehrere Gründe. Schon länger hatte sich angedeutet, dass etwas mit ihm nicht mehr stimmte. Er trank viel, vergaß Termine. In einigen Konferenzen war er in Tränen ausgebrochen, hatte bestürzt die Hände vors Gesicht geschlagen.

Im Laufe des Mai ließ er sich von einem Facharzt intensiv untersuchen. Eine beginnende Demenz, mit dieser Diagnose verließ Assauer die Praxis und nahm sich vor, sich nichts anmerken zu lassen. Jahrelang wollte er von ärztlichen Ratschlägen nichts wissen. Er beteiligte sich an einer Agentur, die Fußballspieler beriet. Assauer suchte neue Aufgaben.

Gemeinsam mit seinem Freund Werner Hansch, einem wortgewaltigen Sportreporter, den man "die Stimme des Ruhrgebiets" nannte, war Assauer regelmäßig auf der Bühne zu sehen. Vor Zuschauern sprachen sie über Erlebnisse im Fußball. Als sie im November 2010 auf dem Podium eines Lions Club im Münsterland saßen, wurde Hansch stutzig. "Warum schlabberte Rudi die Namen von Spielern undeutlich weg?" So erzählt es der 81-jährige Hansch heute. Auf der Rückfahrt, als sie zu Hause bei Assauer angekommen waren, habe Hansch zu ihm gesagt: "Rudi, mit dir stimmt was im Kopf nicht."

Da habe Assauer ihn weinend umarmt und geschluchzt: "Ich weiß es doch auch." Assauer nahm den Reporter mit ins Haus und zeigte ihm Kreuzworträtsel. Mit ihnen versuchte Assauer, seinen Verstand zu trainieren. Für Hansch wurde nun etwas zur Gewissheit, das er bis dahin nur vage vermutet hatte: "Er hat seine Krankheit hinter dem Alkohol versteckt. Es war ihm lieber, die Leute hielten ihn für einen Trinker, als dass sie glaubten, er sei geistig weggetreten."

Danach, sagt Hansch, habe er die ganze Nacht nicht geschlafen und am Morgen die Tochter informiert, Katy Assauer. Die ältere Tochter, Bettina Michel, rief er nicht an. Assauer habe sie nie erwähnt, und so ahnte Hansch nicht einmal, dass es Bettina Michel überhaupt gab. Bald sollte sich das ändern. Das hing damit zusammen, dass der demenzkranke Assauer plötzlich heiratete.

Im Jahr 2007 hatte er sich von seiner Frau, Katy Assauers Mutter, scheiden lassen und ihr eine Million Euro gezahlt, außerdem wurden ihr ein Versorgungsausgleich bei der späteren Rente und Unterhaltszahlungen zugesichert. Finanziell war das für ihn gut zu stemmen, als Manager auf Schalke hatte er ein Jahresgehalt von einer Million Euro. So stand es in seiner letzten Vertragsverlängerung. Mit den Prämien für das Erreichen des Uefa-Cup-Wettbewerbs oder der Champions League konnten daraus 1,15 beziehungsweise 1,3 Millionen Euro werden.

Das Gehalt wurde auch nach Assauers Ende auf Schalke weitergezahlt, mehr als zwei Jahre lang. Er hatte Werbeverträge mit der Zigarrenfirma Davidoff und dem Autohersteller Jaguar abgeschlossen. Von der Brauerei Veltins, einem weiteren Werbepartner, wollte er kein Honorar, weil er der Firma dankbar dafür war, dass sie den Verein in wichtigen Phasen unterstützt hatte.

In Werbespots, die im Fernsehen liefen, war er gemeinsam mit seiner damaligen Freundin zu sehen, der Schauspielerin Simone Thomalla, die als Kommissarin im Tatort bekannt wurde. Mit ihr, dem Nationaltorwart Jens Lehmann und dem Fußballspieler Ebbe Sand hatte er schon im Jahr 2001 eine Altenwohnanlage in Radevormwald in Nordrhein-Westfalen gekauft, eine reine Geldanlage. Jeder von ihnen gab 140.000 D-Mark. So steht es im Gesellschaftervertrag. Assauer steckte sein Geld gern in Immobilien.

Nachdem Simone Thomalla im Jahr 2001 zu ihm gezogen war, ließ er das Haus aufwendig renovieren. Mit ihr flog er auch mal in einer Privatmaschine nach Sylt. Das war das Maximum an Extravaganz, das er sich gestattete. Als die Beziehung zu Simone Thomalla zerbrochen war und Assauers Steuerberater die Vermögensaufstellung für das Jahr 2010 anfertigte, kam er auf ein Rohvermögen von rund 6,7 Millionen Euro. Zog man die Verbindlichkeiten ab, lag das Vermögen bei knapp 2,3 Millionen Euro.

2,3 Millionen Euro, das war das finanzielle Gewicht des Rudi Assauer, als er im April 2011, zwei Jahre nach der Trennung von Simone Thomalla, wieder heiratete.

Seine neue Frau hatte er am Rande einer Miss-Germany-Wahl im Europapark Rust kennengelernt: Britta Idrizi, 22 Jahre jünger als er. Damals arbeitete sie für einen badischen Fernsehsender. Es wurde eine ungewöhnlich abgeschiedene Hochzeit, mit sehr wenigen Gästen. Viele von Assauers langjährigen Weggefährten ahnten nichts davon. Für sie kam diese Ehefrau aus dem Nichts. Schaut man sich die Hochzeitsfotos an, sieht man einen Bräutigam, der angegriffen wirkt – trüber Blick, starre Gesichtszüge.

Nun also wieder eine Neue. Man kann bei Assauers Frauen leicht den Überblick verlieren. Erst Sonya, dann Inge, dann Beate, dann Simone, schließlich Britta. Zwischendurch tauchte auch noch Kerstin auf, eine 24-jährige Zahnarzthelferin, von der Assauer erzählte, er habe sie kennengelernt, als er auf dem Behandlungsstuhl saß und sich "das Esszimmer tapezieren ließ".

Mit Britta, der neuen Frau, zogen auch vier Meerschweinchen bei Assauer ein, die viel Liebe und ein eigenes Zimmer bekamen, mit Decken, Spielzeug und Stroh. Zwei Hunde wuselten auch noch durchs Haus.

Freunde, die Assauer besuchten, glaubten, ihn im falschen Film zu sehen. Im Kühlschrank Nahrung für Tiere, das Wohnzimmer auf den Kopf gestellt, das Stroh der Nager auf dem Parkett. Und das bei einem peniblen Mann, der sich früher jede Fluse von der Flanellhose gezupft hatte.

Die ehemalige Partnerin Beate Schneider, die weiterhin mehrmals in der Woche bei Assauer zu Besuch war, erinnert sich, dass einmal im Fernsehen ein Europapokal-Spiel des FC Schalke lief. Aber Assauer hatte sich in ein Zimmer zurückgezogen, um seine Socken zu sortieren. Die Socken interessierten ihn plötzlich mehr als Schalke? Die Besucherin war entsetzt darüber, "wie stark er abgebaut hatte".

In dieser Zeit mischte sich Bettina Michel, die ältere Tochter, stärker in Assauers Leben ein. Endlich erhielt sie etwas, das ihr so lange versagt geblieben war: Rudi Assauer erwiderte ihre Zuwendung. "Wie bekommen wir die Villa zurück? Wie geht die Scheidung über die Bühne?" Das fragte sich Bettina Michel und schrieb es in ihr Buch.

Sie bereitete etwas vor, das man eine fürsorgliche Entführung nennen könnte. In einem unbeobachteten Moment holte Bettina Michel den Vater aus der Villa und fuhr ihn zu sich, wo er von nun an untergebracht war. Die kurze Ehe des Vaters wurde geschieden, die ehemalige Gattin zog aus, eine Schlammschlacht begann.

Das Oberlandesgericht Hamm bestätigte die Scheidung, ein anderes Gericht verurteilte die geschiedene Frau wegen Unterschlagung. Beim Auszug waren verschiedene Wertgegenstände verschwunden und später auf eBay angeboten worden, Medaillen und andere Erinnerungsstücke aus der Villa.

Nun aber schien die Zeit des Chaos vorüber zu sein. Rudi Assauer lebte in einem Zimmer oben im Reihenhaus der Tochter, die sich um ihn kümmerte. Bettina Michel hatte keinen festen Job, keinen Partner und keine Kinder. Sie konnte ihr Leben ganz auf Rudi Assauer ausrichten.

Eine selbstlose Tochter, so sah es aus. Wenn da nicht der 17. Januar 2012 gewesen wäre, als Rudi Assauer bei einem Notar in Gelsenkirchen sein Testament änderte. Dieser Tag war eine Zäsur.

Laut einem Testament aus dem Jahr 1972 sollten allein eheliche Kinder bedacht werden. Schon ein paarmal hatte Assauer seinen letzten Willen geändert, nun setzte er die Tochter Bettina als Alleinerbin ein, die ihn vor Kurzem zu sich geholt hatte. Assauer unterschrieb persönlich, aber war er noch bei klarem Verstand? Oder war er zu diesem Schritt gedrängt worden?

Der Notar zog keinen Arzt hinzu. Notare dürfen auch bei alten, kranken Menschen noch Testamente absegnen, ohne die Meinung eines Arztes eingeholt zu haben. "Der Erschienene ist geschäfts- und testierfähig", stand in Assauers Urkunde. Vorangegangen war ein Gespräch mit dem Notar, das war’s.

Am Tag vor diesem Termin hatte sich Assauer von dem Krefelder Neurologen und Psychiater Stefan Spittler, der den Patienten seit sechs Jahren kannte, gründlich untersuchen lassen. In einer Bescheinigung, die der Chefarzt schrieb, hieß es, bei Assauer sei eine "schwere, rasch progrediente Demenz festgestellt" worden.

"Im Rahmen dieser ausgeprägten kognitiven Störung war es immer wieder zu schweren Verwirrtheits-, Erregungs- und Unruhezuständen gekommen." Assauers Medikamentenliste war lang: Zopiclon, Seroquel, Truxal, Tavor – lauter Psychopharmaka. Der Arzt schrieb: "Die Konfrontation mit ungewohnten Situationen und die Verbringung in eine ihm nicht mehr geläufige Umgebung ist unbedingt zu vermeiden."

Folgenreich war jener Tag beim Notar auch in anderer Hinsicht: Assauer ernannte zwei Generalbevollmächtigte, einen Mann und eine Frau.

Der Mann ist Professor Heinz Bull, ein Düsseldorfer Schönheitschirurg, der in Bettina Michels Wange eine unschöne Narbe hinterließ, als bei einer Operation etwas schief lief. So schilderte es Bettina Michel in ihrem Buch. Im Allgemeinen genoss der Professor jedoch einen glänzenden Ruf. Wegen seiner Verdienste um manche Nase wurde er in einer Zeitung als "Nasenpapst" bezeichnet. Andere nannten ihn "Trüffel-Bull", wegen seiner wachsenden Leidenschaft für Trüffel. Er gehörte zu Assauers Freundeskreis und galt als seriös (was man keineswegs über alle Menschen in diesem Kreis behaupten konnte).

Eine identische Vollmacht bekam Sabine Söldner, die von Assauer früher "die Söldnersche" genannt worden war oder – wenn sie ihm auf die Nerven ging – "die Dicke". Eine korpulente Frau mit einer raumfüllenden Stimme. Sie war seit 1981 seine Sekretärin, begriff sich aber als seine Leibgarde.

Nicht jeder Trainer durfte hoffen, von ihr durchgewinkt zu werden. Sie sei, so wurde beim FC Schalke gescherzt, "Rudis Räumkommando". Assauer beschäftigte sie auch noch, als sich der FC Schalke längst von ihm getrennt hatte. Im November 2011 kündigte er der Sekretärin, weil im Büro nicht mehr viel zu tun war, und ihr Anwalt wehrte sich dagegen mit den Worten, Rudi Assauer sei "nicht mehr in der Lage, für sich allein rechtsgültige Erklärungen abzugeben".

Zwei Monate später, als er Sabine Söldner eine Generalvollmacht ausstellte, war er aber wieder dazu in der Lage? Eigenartig.

Kurz nach dem Notartermin wurde im ZDF eine Dokumentation gezeigt, in der Assauer seine Krankheit öffentlich machte. In dem Film sieht man einen hilflosen Mann, der schon im September 2011 nicht mehr wusste, in welchem Jahr er lebte, einen, der vergeblich versuchte, auf einem Papier die richtigen Zahlen an einer Uhr einzutragen. Und diesem Mann wurde zugetraut, seinen freien Willen zu dokumentieren?

Assauer überantwortete sich den beiden Bevollmächtigten und der Tochter Bettina, die offiziell seine Betreuerin wurde. Die drei bestimmten nun über ihn. Die Vollmacht, das war schriftlich fixiert, umfasste "alle Vermögensangelegenheiten im In- und Ausland", die Bankgeschäfte, das Recht, Assauers Aufenthaltsort zu bestimmen, den Verkauf von Grundbesitz, das Öffnen der Post.

Was in den folgenden Jahren auf Assauers Konten geschah, lässt sich als wundersame Vermögensverkleinerung zusammenfassen. Es begann damit, dass Andreas Müller, Assauers Nachfolger als Schalke-Manager, in den Ostertagen des Jahres 2013 einen unerwarteten Anruf von Sabine Söldner bekam, der Bevollmächtigten.

Müller schildert das Telefonat so: Söldner habe ihm erklärt, dass Assauer pleite sei, sein Konto sei mit 30.000 Euro im Minus. Ob er, Müller, helfen könne? Er habe sich gewundert, dass Assauer so tief gesunken sei, habe aber nicht nachgehakt, weil "Rudi so viel für mich getan hatte". Am 24. April 2013 überwies Andreas Müller 5.000 Euro auf Assauers Konto. Der Kontoauszug liegt der ZEIT vor. Das Geld, sagt Müller, habe er nie wiedergesehen.

Laut einem Schreiben, das einer von Bettina Michels Rechtsanwälten verschickte, wurde eine ganze Reihe von Privatkrediten vergeben – unter anderem vom ehemaligen Schalke-Trainer Huub Stevens, der Assauer 30.000 Euro überwiesen habe. "Kann gut sein", sagt Stevens heute, "ich erinnere mich nicht genau."

Auch der vermögende Gelsenkirchener Unternehmer Michael Reeder, der sich früher mit Assauer und anderen Freunden zum Kicken getroffen hatte, lieh Geld – 100.000 Euro. Er hatte Assauer schon für 400.000 Euro dessen Anteile am Stadion abgekauft. Als er das geliehene Geld später zurückverlangt habe, sagt Reeder, habe Bettina Michel zunächst strikt Nein gesagt.

"Von diesem Zeitpunkt an", erzählt Reeder, "durfte ich Rudi nicht mehr zu Hause besuchen, ihm keine Nachrichten mehr schreiben, ihm nicht einmal zum Geburtstag gratulieren." Andreas Müller, Assauers Nachfolger beim FC Schalke, sagt: "Bettina Michel hat alle anderen zur Seite gedrückt, damit sie frei schalten und walten konnte."

Assauers 70. Geburtstag wurde groß gefeiert, mit einer Gala in der ehemaligen Zeche Ewald in Herten. 30. April 2014, rund 200 Gäste wurden erwartet, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes erschien, der frühere Fußballmanager Reiner Calmund, auch ehemalige Schalke-Spieler wie Olaf Thon waren da.

Ein bleicher Rudi Assauer stieg mühsam aus einem Wagen, und der Erlös des Abends – so wurde es verkündet – sollte der Rudi-Assauer-Initiative Demenz und Gesellschaft zugutekommen, die gegründet wurde, um die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Krankheit zu steigern. Die Idee ging auf Wilfried Jacobs zurück, einen früheren Präsidenten des Fußballvereins Borussia Mönchengladbach.

Der Reporter Werner Hansch war für die Initiative oft auf Tournee und warb bei Auftritten um Spenden, auch weil er fand, dass es Assauers entscheidender Verdienst sei, das Tabuthema Alzheimer öffentlich gemacht zu haben. Aber die Demenz-Initiative hat ein großes Problem, das über die Jahre immer größer geworden ist: Es kommt nicht gerade viel Geld rein, im Schnitt knapp 20.000 Euro im Jahr.

Ob die Geburtstagsgala Geld eingespielt hat, darf der ehrenamtliche Geschäftsführer der Initiative nicht sagen. Keine Namen von Spendern. Auf der Einladungskarte der Gala wurde nicht etwa das Spendenkonto der Demenz-Initiative genannt, was nahegelegen hätte, sondern eines mit dem Namen Söldner. Von dort wurde später tatsächlich Geld an die Demenz-Initiative überwiesen, aber weniger als 1.000 Euro. Von Bettina Michel kam keine Spende an.

Schon im Vorfeld war es zwischen den Veranstaltern des Abends und dem FC Schalke zu Verstimmungen gekommen. Die Bevollmächtigte Sabine Söldner und die Tochter Bettina Michel hätten den Club nicht etwa eingeladen, sondern von ihm verlangt, eines der "Sponsorenpakete" zu kaufen, für einen vier- bis fünfstelligen Betrag.

"Ständig wurde uns gesagt, dass es um die Legende Rudi Assauer geht", sagt ein früherer Angestellter des Vereins, "die Legende Assauer, das hieß: Kauft reichlich." Veltins, Adidas und viele andere Firmen stiegen tatsächlich als Sponsoren ein, der FC Schalke nicht.

Die Tische, an denen die Gäste saßen, waren von einer Event-Agentur vermarktet worden, für einen der Achtertische wurden 2.000 Euro verlangt. Für Tausende Euro wurden Lose verkauft, eine Auktion wurde veranstaltet. Das Assauer-Porträt eines Malers wurde für 3.500 Euro versteigert. Einige Gäste hatten das Eintrittsgeld – wie Bankauszüge belegen – auf das Söldner-Konto überwiesen. Aber am Ende waren für die Demenz-Initiative nicht einmal tausend Euro übrig?

Gäste des Abends beobachteten, wie eine Trommel mit Geldscheinen im Auto des Ehepaars Söldner verschwand, und das blieb nicht die einzige Merkwürdigkeit. Mit Argwohn verfolgte der Reporter Werner Hansch, wie ungeniert Bettina Michel ihre Zuneigung zum Vater zur Schau stellte, ganz so, als hätte Rudi Assauer keine weitere Tochter. Am liebsten wäre Hansch rausgelaufen, so sehr störte ihn die Inszenierung. Katy Assauer war an diesem Abend nicht dabei – zwischen ihr und Bettina Michel hatte es Streit über den Zugang zum Vater gegeben.

Aufmerksamkeit ließ sich auch mit dem kranken Rudi Assauer erzeugen. Er wurde von seiner Tochter Bettina Michel zu glanzvollen Veranstaltungen geführt, zu einer Las-Vegas-Revue in Herten, zur Preisverleihung des Steiger Award in Bochum, einer Charity-Auszeichnung.

Verloren, stumm und sichtlich erschöpft stand er auf dem roten Teppich. Wie es ihm an manchen Tagen ging, schilderte die Tochter in ihrem Buch. "Er konnte nicht mehr mit Messer und Gabel essen. Sogar das Schlucken fiel ihm schwer. Er war so abwesend, dass er beispielsweise den Teller wie einen Suppenteller in beide Hände nahm und das Steak, die Kartoffeln und das Gemüse trinken wollte."

Rudi Assauer. Von Tausenden Schalke-Fans wird er noch heute verehrt wie ein Heiliger. Für sie verbindet sich dieser Name mit einer Hoffnung, die sich mit irdischen Argumenten schwer fassen lässt, einer Erlösung, die auf einer selten gewordenen Autorität gründet: der Bereitschaft eines Menschen, sich dem Thema seines Lebens schonungslos auszuliefern.

Offiziell war Assauer nicht mehr als ein leitender Angestellter, er nannte sich Manager, aber er benahm sich nicht wie einer dieser Quartalsergebnis-Manager, die in modernen Unternehmen herumgeistern. Manchmal lief er über das Gelände des Vereins, steckte sich eine Zigarre an und musterte sein Reich mit dem besitzergreifenden Blick eines Gutsverwalters.

Es war eine raue Welt, in der Assauer früher den Ton angab. Man darf sich den FC Schalke nicht wie einen Hamburger Hockeyclub vorstellen. Es gab Versammlungen, auf denen sich erwachsene Funktionäre mit Fäusten schlugen. "Du Ratte!", "Du Arsch!" – das waren Worte, die in der Geschäftsstelle selbst dann fielen, wenn fremde Besucher anwesend waren.

Vor Kurzem gestand der ehemalige Schalker Trainer Felix Magath, der sich stets etwas auf seine Hartherzigkeit eingebildet hatte, er sei auf Schalke in eine Depression gefallen. Magaths Nachfolger, der Trainer Ralf Rangnick, trat wegen eines Burn-outs zurück.

Die chronische Überhitzung des Vereinslebens, die aggro-melancholische Daseinsform des FC Schalke, war etwas, worunter auch Menschen wie Assauer litten, obwohl sie diesen Zustand selbst geschaffen hatten. Aber Assauer war zugleich ein Erneuerer.

Er verliebte sich in die Idee einer modernen Arena, die einem Sporttempel gleichen sollte. Das Stadion wurde 2001 fertig. Die Villa, in der er wohnte, hatte er sich eigens so ausgesucht, dass er zu Fuß zur Arena laufen konnte. Der Ort, an dem er sich zu Hause fühlen sollte, hatte sich dem Platz des Fußballs unterzuordnen.

Als er krank wurde, musste er lernen, sich selbst unterzuordnen. Seine Bevollmächtigten gründeten eine Firma, die Mirandum GmbH, die laut Handelsregister den Zweck verfolgte, "audiovisuelle Medienprodukte" herzustellen. Medienprodukte, von einem Schönheitschirurgen und einer Sekretärin?

Die Düsseldorfer Firmenadresse entsprach zunächst der Praxisanschrift des Schönheitschirurgen, später wurde die Gesellschaft nach Herten verlegt, nun war die Adresse identisch mit Bettina Michels Anschrift. Inzwischen hatten sich die drei gefunden. Der Geschäftsführer der Demenz-Initiative nannte das Trio, das Assauers Leben lenkte, "die Familie".

Die Mirandum GmbH bereitete ein gigantisches Ereignis in der Schalke-Arena vor – Assauer, der Film, ein ganz neues Projekt. Don Schubert, ein Regisseur aus Köln, stieg mit einem 50-köpfigen Team ein. Sie alle, sagt er, hätten auf Honorare verzichtet, um diesen Film zu ermöglichen. So drückten sie die etwa 500.000 Euro, die eine solche Produktion normalerweise gekostet hätte, auf rund 250.000 Euro.

Der Reinerlös der Veranstaltung, die im Mai 2018 das Schalker Stadion füllte, sollte der Demenz-Initiative zufließen. Beim Guinness Buch wurde der Versuch eines Weltrekords angemeldet: die meisten Zuschauer bei einer Filmpremiere. Auf einer Pressekonferenz hatte der Chef einer beteiligten Event-Agentur "signifikante Spenden" für die gute Sache angekündigt.

Aber bei der Demenz-Initiative kam nichts an, nicht ein einziger Cent. Das Spendenjahr 2018 war sogar ein besonders schlechtes Jahr, mit insgesamt 9.730 Euro. Der Regisseur sagt, der Film habe sich finanziell nicht gelohnt. Aber er interessierte sich auch nicht dafür, wie die Mirandum GmbH kalkulierte. Auf dem Firmenkonto fanden sich zwischenzeitlich auch mal rund 200.000 Euro. Und der Film war ein schlechtes Geschäft?

Mehrfach hatten Sabine Söldner und Bettina Michel mit dem FC Schalke hart verhandelt, um die Kosten zu drücken. Rudi Assauer, die Legende, der bekannte Refrain. Der Verein ließ sich auf einen Sonderpreis bei der Vermietung ein: 60.000 Euro für den Betrieb des Stadions (statt des üblichen Mindestpreises von 180.000 Euro), außerdem 54.000 Euro für reduzierte Nebenkosten (Strom, Reinigung und Ähnliches). Macht zusammen 114.000 Euro.

Aus der erhofften Eintragung ins Guinness Buch wurde nichts, aber es versammelten sich rund 25.000 Besucher – immerhin deutscher Rekord. Die Zuschauer hatten mindestens 12,04 Euro für ihr Ticket bezahlt, die besten Plätze kosteten 99,04 Euro. Rechnet man vorsichtig und legt nur einen durchschnittlichen Ticketpreis von 20 Euro zugrunde, dann kamen allein aus diesen Eintrittsgeldern 500.000 Euro zusammen. Kein Gewinn?

Don Schubert, dem Regisseur, fiel auf, wie gut sich Sabine Söldner mit Zahlen auskannte. Souverän habe sie den Cashflow-Plan geprüft. Er sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Sabine Söldner übers Ohr hauen kann." Sie imponierte dem Regisseur. Sie habe ihn gewarnt: "Ich habe immer eine rostige Nagelschere dabei. Damit schneide ich Ihnen die Glocken ab, wenn Sie Scheiße bauen."

Don Schubert sagt, er sei etwa 50-mal in dem Haus gewesen, in dem Assauer gepflegt wurde. "Ich habe ihn kämpfen sehen." Oft habe er sich gefragt: "Was ging Rudi Assauer wohl durch den Kopf?" Darauf antwortete der Protagonist nicht mehr, Interviews mit ihm waren undenkbar, es ging ihm zu schlecht. Ob Assauer überhaupt wahrgenommen hat, dass dieser Fremde mit den langen Haaren ein Regisseur war?

"Ich weiß es nicht", sagt Schubert, "ich weiß, dass er Männer mit langen Haaren eigentlich nicht mochte." Beim Betrachten einer Rohversion des Films in Bettina Michels Wohnzimmer hätten alle mit Tränen in den Augen vor dem Bildschirm gesessen – nur Assauer nicht, er sei in seinem Zimmer geblieben.

Gern würde man Bettina Michel fragen, wie sie die ganze Sache sieht, und Sabine Söldner. Aber die beiden sind verstummt. Einer ihrer Anwälte hat die ZEIT empfangen, um Fragen zu beantworten, aber sobald es um Assauers Geld ging, wurde er einsilbig. Er kündigte Interviews mit seinen Mandantinnen an, aber daraus wurde nichts.

Er versprach, Dokumente vorzulegen, die den Verdacht gegen seine Mandantinnen zerstreuen könnten, aber auch auf mehrmalige Nachfrage hin ist er diese Papiere schuldig geblieben, bis heute. Die Verzögerungstaktik erstreckte sich über vier Monate. Mal sei Bettina Michel nicht erreichbar, wochenlang, mal krank, wieder wochenlang, dann zur Erholung im Urlaub. Und ohne Michel wolle sich Sabine Söldner nicht gegenüber der ZEIT äußern.

Als dann im Juli ein Gerichtstermin in Mönchengladbach ansteht, sind beide in blendender Verfassung. Es geht nicht ums Erbe, sondern um Äußerungen in Bild und Bunte. Katy Assauer hat gegen Bettina Michel geklagt, Bettina Michel gegen Katy Assauer. Mal fühlte sich die eine beleidigt, dann die andere. Ein Vergleich wird geschlossen.

Im Zuschauerraum sitzt Assauers geschiedene Ehefrau, die Meerschweinchen-Liebhaberin, und ruft ständig dazwischen. Der Richter droht ihr ein Ordnungsgeld an, da rennt sie wütend aus dem Saal und geistert über die Flure. Als Assauer noch lebte, lief sie in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Rudi, ich liebe dich" durch Bettina Michels Nachbarschaft.

Nach der Verhandlung fahren die Anwälte mit ihren Mandantinnen zum Restaurant des Hotels Rosenmeer, der Sohn eines Anwalts und eine Praktikantin sind auch dabei. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird gescherzt und gelacht. Bettina Michel duzt sofort die Kellnerin, sie unterhält die ganze Runde. Über Sabine Söldner sagt sie: "Wir sind wie Schwestern."

Sabine Söldner sitzt wortkarg da und bellt dazwischen, als ihr die Beilage zum Wiener Schnitzel missfällt. Schließlich sagt Bettina Michel, sie könne sich vorstellen, demnächst mit der ZEIT ausführlich über alles zu reden. Aber künftig wird sie weder auf Nachrichten noch auf Anrufe reagieren.

"Ich bin nicht die Böse in diesem Spiel", sagte Bettina Michel lächelnd, als sie im Restaurant saß. Sie ließ ein Foto von sich und ihren Anwälten schießen, dann löste sich die Runde auf. Bettina Michel und Sabine Söldner stiegen in einen Opel Meriva. Im Autokennzeichen die Buchstaben RA. Rudi Assauer. Der zehn Jahre alte Wagen ist eines der wenigen Dinge, die von seinem Vermögen geblieben sind.

Wer hat das Geld genommen? Das ist nicht eindeutig zu klären. Es gibt nur drei Menschen, die Zugriff auf Assauers Konten hatten, die Tochter Bettina Michel und die beiden Bevollmächtigten. Aber werden sie nicht durch ihren Lebenswandel entlastet? Der Schönheitschirurg war schon früher wohlhabend. Sabine Söldner lebt in einer unauffälligen Wohnung, auch vor Bettina Michels Reihenhaus steht kein Porsche. Und doch gibt es etwas, das hellhörig werden lässt.

Als Rudi Assauer sehr krank wurde, begann für Bettina Michel ein Insolvenzverfahren. Gemeinsam mit anderen hatte sie ein Brauereihotel in Gladbeck in die Pleite getrieben. Löhne waren noch zu zahlen, Angestellte lauerten ihr auf, sie verlangten ihr Geld. "Die Firma war führungslos", sagt der damalige Insolvenzverwalter. "Das Geschäft war implodiert."

Bettina Michel haftete als Geschäftsführerin, schlug sich jahrelang mit dem Insolvenzverwalter herum. Geld konnte sie gut gebrauchen. Aber reicht das als Erklärung?

Vielleicht ist ja der Schönheitschirurg bereit zu reden. An einem sonnigen Tag im Juli steht Professor Heinz Bull vor seinem Reetdachhaus auf Sylt und bittet hinein. 75 Jahre ist er alt, das Haus am Rande des Dorfes Kampen bewohnt er in den warmen Monaten. Seine Frau geht gerade mit dem Hund am Strand spazieren, er hat Zeit.

Ein verstörend karges Gespräch kommt stockend in Gang. "Ich weiß es auch nicht so genau", das ist sein liebster Satz. Bulls Vollmacht war umfassend, doch wer regelte das Finanzielle? "Hat alles Bettina Michel gemacht." Er war Geschäftsführer der Filmproduktion, aber angeblich "nur auf dem Papier". Seine Erinnerungen sind so lückenhaft, dass er sogar bestreitet, als Arzt Rudi Assauers Töchter behandelt zu haben – woran sich die Frauen bestens erinnern.

Herr Bull, hatten Sie Einblick in Rudi Assauers finanzielle Angelegenheiten?

"Nein."

Mal Kontoauszüge gesehen?

"Nein, nein, nie."

Woher stammten die 250.000 Euro, die für die Filmproduktion gebraucht wurden?

"Na ja, wahrscheinlich", sagt er, "war das Rudis Geld."

Wenn das stimmt, dann hat ein demenzkranker Mensch einen Film über sich bezahlt, von dem er nichts wusste.

Von Jahr zu Jahr wurde Assauer zu Hause stärker abgeschirmt. Seine Tochter Katy stand immer mal wieder vor verschlossener Tür. Assauers frühere Partnerin Beate Schneider, die ihn oft besucht hatte, war plötzlich unerwünscht.

Sie sagt: "Wäre Rudi noch bei Verstand gewesen, hätte er sich eher die Kugel gegeben, als bei Bettina Michel zu leben. Ich kann es mir nur so erklären: Rudi hat angefangen, alles zu verwechseln. Vielleicht dachte er, Bettina ist seine geliebte Katy."

Der Reporter Werner Hansch schaute kaum noch bei ihm vorbei, weil er sich an der dominanten Bettina Michel störte. Selbst der Postbote hatte es schwer, amtliche Schreiben persönlich zuzustellen. Dazu zählten die Briefe des Gelsenkirchener Amtsgerichts, das sich über Jahre daran abgearbeitet hat, von Bettina Michel eine aktuelle Vermögensauskunft zu bekommen. Zwangsgelder wurden angedroht, ein Gerichtsvollzieher schaltete sich ein, aber es gelang Bettina Michel, das Betreuungsgericht endlos hinzuhalten.

Die Vermögensauskunft wurde zu einem großen Thema, nachdem ein Teil von Assauers Rente gepfändet worden war. Seiner früheren Ehefrau, Katy Assauers Mutter, hatte er bei der Scheidung einen Unterhalt von 500 Euro pro Monat zugesagt, eine Vereinbarung, an die er sich hielt – bis seine Betreuer die Geschäfte übernahmen.

Das Geld floss nicht mehr, die frühere Ehefrau klagte vor Gericht. Sie bekam einen vollstreckbaren Titel, der es ihr erlaubte, in Assauers gesetzliche Rente hinein zu pfänden, die dadurch bis aufs Existenzminimum sank. Von seiner Rente, gut 1.300 Euro im Monat, wurden rund 300 Euro einbehalten. Aber noch immer blieb er der früheren Ehefrau Geld schuldig, denn ihr waren ja 500 Euro versprochen worden. Deswegen versuchte ein Anwalt der früheren Ehefrau, eine Auskunft über Assauers Vermögen zu bekommen – ohne Erfolg. Der Fall ging bis zum Bundesgerichtshof. Wo steckte bloß all sein Geld?

"Riesige Beträge sind da abgeflossen", beteuert einer, der Assauers Konten kannte. "Davon hätte sich der Rudi den Arsch mit Goldstaub bedecken können."

Im Herbst 2015 wurde Assauers Villa an einen Bochumer Zahnarzt verkauft, der dort jetzt mit seiner Familie wohnt. Er ist Schalke-Fan und stolz auf sein neues Haus. Bei einem Abendessen lernte der Zahnarzt auch Assauer kennen, den er stets bewundert hatte. Im Restaurant habe Assauer teilnahmslos am Tisch gesessen, neben ihm die Tochter Bettina und die Bevollmächtigten.

Der Zahnarzt will den Kaufpreis für das Haus nicht genau beziffern, nur so viel: zwischen 750.000 und einer Million Euro. Man kann also nicht behaupten, dass kein Geld hereinkam.

Im Jahr 2016 wurde der Beginenhof in Bielefeld verkauft, der bis dahin Assauer gehört hatte, eine Wohnanlage für alleinstehende Frauen – ein Drei-Millionen-Euro-Objekt. Seine Beteiligung an den Altenwohnungen in Radevormwald besaß er da noch.

Assauers Bankkonten – so ermittelte es der vom Gericht eingesetzte Nachlasspfleger – seien aufgelöst worden. Die Bevollmächtigten Söldner und Bull hätten 260.000 Euro bar abgehoben. Bettina Michel habe drei Immobilien verkauft und den Erlös "vereinnahmt". Der Nachlasspfleger bat die Beteiligten mehrmals um Auskunft, vergebens.

Zuvor hatte es eine Amtsrichterin in Gelsenkirchen auf ihre Weise versucht, mit viel Geduld. Immer wieder schrieben die Richterin und eine Rechtspflegerin Briefe an Bettina Michel, und wer die Korrespondenz liest, der erschrickt über den Gleichmut des Betreuungsgerichts.

Erinnerungen, Mahnungen, aber Bettina Michel fielen immer neue Erklärungen ein, warum sie keine aktuelle Aufstellung des Vermögens schickte. Mal war von einer "Schwebesituation" die Rede, Fristverlängerung. Dann wieder sei die Richterin nicht erreichbar gewesen, am Ende des Briefs wünschte Michel "ein friedliches Weihnachtsfest".

Schließlich, im März 2018, nach Jahren der Verzögerung, traute sich die Richterin, Konsequenzen anzukündigen, und schlug vor, an Michels Stelle einen anderen Betreuer einzusetzen. Ein Rechtsanwalt stehe bereit. Eine Grippe, antwortete Bettina Michel, habe sie "aus der Bahn geworfen". Ein externer Betreuer sei nicht nötig. Später vertröstete Michel das Gericht, indem sie erklärte, ihr Steuerberater leide an einer "schweren Erkrankung".

Schließlich wollte die Richterin selbst nach dem Rechten sehen und kündigte sich im Hause Michel an. Bettina Michel versuchte, den Termin abzuwehren, schlug aber nur eine Fristverlängerung heraus. Am 20. Februar 2019 gegen 9.30 Uhr sollte es so weit sein – der Besuch der Richterin. Zwei Wochen vorher starb Rudi Assauer. "Pneumonie", Lungenentzündung, stand auf der Todesbescheinigung, die am 6. Februar 2019 um 16.55 Uhr ausgestellt wurde.

Fünf Minuten zuvor hatte Katy Assauer, die Tochter, eine Botschaft von Sabine Söldner, der Bevollmächtigten, empfangen. "Gerade den Anruf erhalten, Chef hat es bereits geschafft". Die Nachricht vom Tod kam per SMS.

Als sich Katy Assauer von ihrem toten Vater verabschiedete, stand der Bestatter neben ihr. Er hatte, so wird erzählt, den Auftrag, sie keinesfalls aus den Augen zu verlieren. So schaukelte sich der Konflikt zwischen den Halbschwestern hoch. Inzwischen verteilt sich der Fall Assauer auf Dutzende Aktenordner in sieben Anwaltskanzleien. Wem gehört Rudi Assauer? Der Streit darum hat ihn überlebt. Das Einzige, was die verfeindeten Frauen noch verbindet, ist ein Wort, das bei beiden sehr liebevoll klingt. "Papa".

An dem Tag, als Rudi Assauer starb, trat die Schalker Mannschaft gegen Fortuna Düsseldorf an. Alle Spieler trugen einen Trauerflor, und bei jedem Tor, das Schalke schoss, rief die Fankurve "Rudi". Schalke gewann 4:1.

Was bleibt von ihm?

Für die Rudi-Assauer-Initiative Demenz und Gesellschaft hat das Jahr 2020 gar nicht gut begonnen. Nur 1.623 Euro Spenden bis Juni. Geht es so weiter, droht bald das Aus.

Der Nachlasspfleger hat beim Gericht einen Antrag auf Prozesskostenhilfe gestellt, weil in Assauers Erbe nichts mehr zu holen sei. Erstaunt fragte der zuständige Richter: "Sind gar keine flüssigen Mittel vorhanden?" Es ist gleichgültig geworden, welche Tochter mehr erbt als die andere. Der Löwenanteil von nichts ist nichts.

Die ZEIT hat Sabine Söldner und Bettina Michel erneut um eine Stellungnahme gebeten. Aber sie schweigen.

Und sonst?

Der Zahnarzt, der Assauers Villa kaufte, wollte zunächst den Ahornbaum im Garten fällen, ließ ihn aus Respekt vor Rudi Assauer aber stehen. Der Alte hatte gern im Schatten dieses Baumes gesessen. Nicht überliefert ist, ob er auch dort seinen berühmten Satz sprach: "Du siehst die Scheiße immer erst, wenn der Schnee geschmolzen ist."

Seit Schalke wieder ein Synonym für Krise ist, seit diesem Frühjahr, verkauft sich der Film über Rudi Assauer ungewöhnlich gut. "Die Menschen sehen was in ihm", sagt der Regisseur.

Ach ja: Sabine Söldner hat einen neuen Job, als Pflegerin in einem Heim.

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