Wirecard

Millionensummen in dreistelliger Höhe verschwunden

Das Unternehmen hat sich in den Monaten bis zur Insolvenz im Juni noch einmal rund 800 Millionen Euro an zusätzlichen Krediten von einem Konsortium aus insgesamt 15 Banken geliehen

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GERMAN PRESS GROUP

Der Skandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard nimmt eine nochmals größere Dimension an. Laut internen Unterlagen aus dem Unternehmen könnten im ersten Halbjahr hohe Millionensummen abgeflossen sein.

Demnach hat sich das Unternehmen in den Monaten bis zur Insolvenz im Juni noch einmal rund 800 Millionen Euro an zusätzlichen Krediten von einem Konsortium aus insgesamt 15 Banken geliehen. Das Geld soll anschließend an nahestehende Firmen geflossen sein.

Zuerst hatten die Süddeutsche Zeitung (SZ) und die Financial Times (FT) darüber berichtet. Sie berufen sich auf interne Kreise bei Wirecard und Informationen der Münchener Staatsanwaltschaft.

Mitte Juni musste der Zahlungsdienstleister bereits einräumen, dass die gewaltige Summe von rund 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten bei zwei Banken auf den Philippinen nicht existieren. Wenige Tage darauf meldete der Dax-Konzern Insolvenz an. Der ehemalige Vorstandschef Markus Braun und weitere Top-Manager sitzen seither in Untersuchungshaft, der für die Organisation des wichtigen Asien-Geschäfts zuständige einstige Vorstand Jan Marsalek ist auf der Flucht.

Sollte sich bestätigen, dass bei Wirecard vor der Pleite noch in großem Stil Kredite aufgenommen wurden, die danach in zweifelhafte Kanäle geflossen sind, dann bekäme der ohnehin schon große Betrugsfall eine weitere, dramatische Wendung.

Bisher lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft München I auf Untreue, Bilanzfälschung, Börsenmanipulation und gemeinschaftlichen bandenmäßigen Betrug. Dabei geht es bereits um den Verdacht der Veruntreuung von Krediten über mehr als einer halben Milliarde Euro.

Davon sollen 365 Millionen Euro an bisherige Partner wie Al Alam in Dubai, Pay Easy Solutions auf den Philippinen und O Cap Management in Singapur. Für die hohen Summen sollen nach Erkenntnissen der Ermittler keine Sicherheiten verlangt worden sein.

Drittpartner wie Al Alam oder Pay Easy übernahmen für Wirecard die Geschäftsabwicklung in Ländern, in denen der Konzern selbst keine Lizenzen besaß. Das war fast in allen Ländern außerhalb von Europa der Fall.

Die SZ beruft sich nun auf interne Kreise bei Wirecard, die bestätigen, dass diese Summe im ersten Quartal auf fast 870 Millionen Euro gestiegen sei. Diese Gelder sollen an die drei genannten Firmen sowie an weitere Drittpartner geflossen sein. Demnach soll O Cap in Singapur zu diesem Zeitpunkt etwa 230 Millionen Euro erhalten haben, nach etwa 130 Millionen Euro noch Ende 2019.

Bei Al Alam in Dubai soll sich die Kreditsumme im März auf 240 Millionen Euro erhöht haben, bei Pay Easy auf über 270 Millionen Euro. Dazu kamen drei weitere Partnerunternehmen, die insgesamt mehr als 120 Millionen an Krediten bekamen.

Die FT nennt unter anderem ein Unternehmen namens Ruprecht Services in Singapur, bei dem die Kreditsumme um rund 40 Millionen Euro auf dann 53 Millionen Euro gestiegen war. Insgesamt kamen so rund 870 Millionen Euro an ungesicherten Krediten für Drittpartner zusammen.

Bei Wirecard führte die spendable Kreditvergabe an die hierzulande weitgehend unbekannten Geschäftspartner dazu, dass die Kreditlinie des Zahlungsdienstleisters immer mehr in Anspruch genommen wurde.

Von der vereinbarten Linie mit rund 1,75 Milliarden Euro war laut internen Wirecard-Unterlagen Ende 2019 nicht einmal die Hälfte ausgeschöpft, heißt es in der SZ. Lediglich 800 Millionen Euro hatte sich der Konzern bis dahin genehmigt. Zum Zeitpunkt der Insolvenz waren dann plötzlich rund 1,6 Milliarden Euro in Anspruch genommen, doppelt so viel wie noch wenige Monate davor.

Die Ermittler hegen somit den Verdacht, dass dem Top-Management Anfang des Jahres bereits bewusst gewesen sei, dass der gewaltige Betrug um den Zahlungsdienstleister auffliegen könnte und deshalb in großen Stil Geld beiseitegeschafft worden ist.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Sonderprüfer von KPMG bereits ihre Untersuchungen aufgenommen und stellten immer kritischere Fragen, als sie die Bilanzen der Jahre 2016 bis 2018 durchforsteten. Eingeleitet wurde die Untersuchung, weil sich speziell im Geschäft mit den Drittpartnern immer größere Ungereimtheiten auftaten.

Für die kreditgebenden Banken steht schon seit geraumer Zeit fest, dass die ausgeliehenen Kredite wohl abgeschrieben werden müssen. Neben der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) sollen nach Daten des Informationsdienstes Bloomberg drei weitere Banken mit jeweils 200 Millionen Euro an der Kreditlinie beteiligt gewesen sein. Dazu gehören die Commerzbank sowie die beiden niederländischen Banken ABN Amro und ING.

Auch die genossenschaftliche DZ Bank soll den Informationen zufolge dem Skandalunternehmen 120 Millionen Euro geliehen, für diese Summen standen auch Barclays, Credit Agricole und Lloyds parat. Jeweils 80 Millionen Euro kamen von der Deutschen Bank, der Bank of China, von Citi und der japanischen Mitsubishi UFJ. Am Ende des Konsortiums aus insgesamt 15 Banken standen die Raiffeisen Niederösterreich für 60 Millionen Euro gerade, bei der Agricultural Bank of China waren es 55 Millionen Euro, bei der Raiffeisen Oberösterreich 45 Millionen Euro.

Dazu kommt eine Anleihe im Volumen von 500 Millionen Euro sowie eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro. Auf diesem Weg war im vergangenen Jahr der japanische Tech-Investor Softbank bei Wirecard eingezogen. Insgesamt gehen die Ermittler davon aus, dass der Konzern durch aufgebauschte Bilanzen über Jahre hinweg zu insgesamt 3,2 Milliarden Euro von Banken und Investoren gekommen sein soll.

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