Brüssel

Mehr als 50 Fälle: Große Diebestour im Europaparlament

Diebe nutzten die Gunst der Stunde und bestahlen die EU-Abgeordneten offenbar im großen Stil. Von mehr als 50 Fällen ist die Rede, in denen Wertgegenstände wie Laptops und Tablets spurlos verschwanden

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Die Gelegenheit für Langfinger war historisch. Die Pandemie machte das Europaparlament und das ganze Brüsseler EU-Viertel über Monate hinweg zu einer Geisterstadt. Auch Belgien war besonders stark von den Folgen des Coronavirus betroffen. Deshalb blieben die meisten Büros der EU-Volksvertretung bis zum Frühsommer verwaist.

Diebe nutzten die Gunst der Stunde und bestahlen die EU-Abgeordneten offenbar im großen Stil. Von mehr als 50 Fällen ist die Rede, in denen Wertgegenstände wie Laptops und Tablets spurlos verschwanden.

Eine genaue Auskunft, wie viele Abgeordnete von der Diebstahlserie bisher betroffen sind, gab das Europäische Parlament noch nicht heraus. „Informationen über die Zahl der Fälle liegen nicht vor, sie könnten aber während der Zeit der Kontaktsperre leicht zugenommen haben“, sagte ein Parlamentssprecher auf Anfrage.

Die Parlamentsverwaltung unternehme „alles in ihrer Macht Stehende, um ein sicheres Arbeitsumfeld für die Dienststellen der Institution und die Abgeordneten zu schaffen.“ Wann es erste Ergebnisse der Ermittlungen gibt, ist weiter offen.

Man frage sich auch, wie die Diebe die vielen Computer eigentlich aus dem Parlament herausschaffen und verschwinden lassen konnten. Die Täter hätten es gezielt auf wertvolle Geräte abgesehen, berichtet Lange. iPads, teure Laptops und Kameras könne man deshalb nicht mehr in leeren Büros liegen lassen. Viele Abgeordnete würden sie sogar mit in die Mittagspause nehmen.

Ein Sprecher des EU-Parlaments sagte diplomatisch: „Die politischen Leitgremien des Parlaments nehmen diese Angelegenheit ernst und werden alle geeigneten Maßnahmen ergreifen, um das Problem anzugehen.“

In den Brüsseler Cafés rund um das Parlament ist die peinliche Diebstahlserie in der noch laufenden Sitzungswoche eines der Lieblingsthemen von Politikern, Beamten und Beratern. Doch die kriminellen Ereignisse spalten – auch die Abgeordneten selbst.

Manche Europapolitiker nehmen die Diebstahlserie angesichts der wirtschaftlichen und politischen Nagelprobe für Europa – wie sie von Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Brüssel beschworen wurde – nicht so ernst.

Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt war der Brüsseler Sitz des Europaparlaments schon einmal von einer Einbruchsserie betroffen. Damals kamen die Diebe von außen und brachen mehrere Geschäfte im Erdgeschoss des Gebäudes auf. Daraufhin wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Nach den Brüsseler Terroranschlägen im Jahr 2016 wurde der ganze Eingangsbereich des Parlaments umgebaut. Seitdem ist das Gebäude abgesichert wie ein Hochsicherheitstrakt, doch das nützt natürlich nichts, wenn es offenbar beim eigenen Personal schwarze Schafe gibt, die kriminell werden.

Der Sicherheitsdienst des Parlaments ist für seine bisweilen aggressive und grobe Art im Umgang mit Nichtparlamentariern in Brüssel bekannt. Die Verwaltung versucht unterdessen zu beschwichtigen. „Die Arbeit des Parlaments wurde nicht beeinträchtigt. Es gab auch keine Meldung über einen Datendiebstahl, der die Arbeit des Parlaments beeinträchtigt hätte“, sagte ein Sprecher.

Die Chancen auf Aufklärung sind nach Meinung von Insidern in Brüssel ohnehin nicht besonders groß. Denn die belgische Polizei darf die Volksvertretung grundsätzlich nicht betreten, und die Ordnungshüter haben auch keine Spuren gesichert.

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