Staatsanwaltschaft München

Justiz sichert Vermögen ehemaliger Wirecard-Chefs

Markus Braun pendelte zwischen drei Häusern in Wien, Kitzbühel und Saint-Tropez an der französischen Mittelmeerküste hin und her – da er nicht gerne Linie flog, am liebsten im Privatjet

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Die Staatsanwaltschaft erwirkt Arrestbeschlüsse gegen vier Ex-Manager und drei Firmen. Damit friert sie einen dreistelligen Millionenbetrag ein.

Nach außen gab sich Markus Braun bescheiden, der Vorstandschef von Wirecard und selbst ernannte Visionär. In der Öffentlichkeit trat er am liebsten mit schwarzem Rollkragenpullover, Sakko und randloser Brille auf, eine royale Attitüde war ihm fremd.

Privat scheint er jedoch den luxuriösen Seiten des Lebens durchaus zugesprochen zu haben. Braun pendelte zwischen drei Häusern in Wien, Kitzbühel und Saint-Tropez an der französischen Mittelmeerküste hin und her – da er nicht gerne Linie flog, am liebsten im Privatjet.

Doch nun ist ihm der Zugriff auf sein Vermögen vorerst untersagt. Im Bilanzskandal bei Wirecard sicherte sich die Staatsanwaltschaft München Zugriff auf erhoffte Vermögenswerte bei vier früheren Topmanagern – darunter Brauns Immobilien in Österreich und Frankreich.

Insgesamt erwirkten die Strafverfolger beim Amtsgericht München zehn sogenannte Arrestbeschlüsse in dreistelliger Millionenhöhe bei vier Personen und drei Gesellschaften, wobei einzelne Beschlüsse mehrere Betroffene erfassen könnten, so die Staatsanwaltschaft.

Gegen die Ex-Manager geht es laut Angaben einer Sprecherin um Summen bis zu einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Summen bis zum unteren dreistelligen Millionenbetrag sollen bei den Gesellschaften sichergestellt werden. „Drittschuldner sind mehrheitlich Kreditinstitute mit Sitz in Deutschland.“

Dahinter dürften sich Banken des 15 Geldhäuser umfassenden Konsortiums verbergen, das Wirecard insgesamt 1,6 Milliarden Euro geliehen hatte.

Braun hatte durch den Verkauf von Wirecard-Aktien nach dem Auffliegen des Bilanzlochs Ende Juni mehr als 100 Millionen Euro eingenommen, womit er unter anderem einen Privatkredit zurückgezahlt haben soll. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft, mit ihm noch drei weitere ehemalige Top-Manager des Konzerns.

Die von der Staatsanwaltschaft in den Fokus genommenen drei Gesellschaften sollen als Vehikel für dubiose Transaktionen innerhalb des Wirecard-Konzerns genutzt worden sein. Ermittler und Insider gehen davon aus, dass noch 2020 dreistellige Millionensummen aus dem Konzern herausgeflossen sind.

Mit Arrestbeschlüssen versucht die Staatsanwaltschaft für die Geschädigten des mutmaßlich milliardenschweren Betrugs zu retten, was zu retten ist. Damit dürfen unter anderem Banken Geldbeträge von Konten der Betroffenen nicht mehr auszahlen, Immobilien dürfen nicht mehr veräußert werden.

Die in derartigen Beschlüssen genannten Summen besagen aber normalerweise nicht, wie viel Geld tatsächlich noch vorhanden ist – sondern lediglich, bis zu welcher Höhe die Staatsanwaltschaft Zugriff hätte.

Trotz der begonnenen Vermögensabschöpfung fehlten weiterhin hohe Summen, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Die Vermögensabschöpfung ist ein übliches Mittel der Staatsanwaltschaft, um zu verhindern, dass mutmaßliche Kriminelle von ergaunertem Vermögen profitieren. Zuerst berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über den Schritt.

Um wenigstens einen Bruchteil der Forderungen von Wirecard-Geschädigten zu erfüllen, hat Insolvenzverwalter Michael Jaffé parallel mit der Zerschlagung des Konzerns begonnen. Das einstige Vorzeigeunternehmen der Finanztechnologiebranche war nach dem Bekanntwerden von milliardenschweren Luftbuchungen zusammengebrochen.

Auch zivilrechtlich gibt es Versuche, Vermögen bei möglichen Verantwortlichen arrestieren zu lassen. Vor wenigen Tagen war ein Wirecard-Aktionär mit einem Vorstoß gegen Braun vor dem Oberlandesgericht München erfolgreich.

Der Aktionär hatte rund 27.000 Euro in Wirecard-Aktien investiert und sie erst kurz vor der Insolvenz mit einem Verlust von mehr als 20.000 Euro verkauft. Das Gericht erklärte in seinem Beschluss, eine vorsätzliche Schädigung des Aktionärs durch Braun sei ausreichend wahrscheinlich.

Zur Sicherung der Zwangsvollstreckung wegen der Forderung auf 20.000 Euro Schadensersatz ordnete das Münchener Gericht „dinglichen Arrest in das gesamte Vermögen des Antragstellers“ an. Der frühere Wirecard-Chef könne den anteiligen Vermögensarrest aber durch Hinterlegung der geforderten Summe plus Zinsen außer Vollzug setzen.

Mehrere 10.000 Wirecard-Investoren haben sich inzwischen anwaltliche Hilfe geholt. Klagen gegen den Wirtschaftsprüfer EY und die Bafin gelten aktuell als aussichtsreich.

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