Anlegerskandale

Immer mittendrin: Die inkompetente BaFin

Die Inkompetenz der BaFin hat die großen und kleinen Anlegerskandale nicht verhindert

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Die deutsche Kapitalmarkthistorie durchziehen zahlreiche Skandale – schon lange vor Wirecard. Die Aufsichtsbehörde BaFin spielte dabei meist die gleiche unrühmliche Rolle. Nicht wenige sagen: Die BaFin ist inkompetent.

Ein Überblick:

Comroad erfand Umsätze

Das Unternehmen unter Chef Bodo Schnabel war zur Jahrtausendwende angeblich erfolgreich unterwegs im Telematikmarkt und bei Navigationsgeräten. Doch 95 Prozent der Umsätze waren erfunden. Comroad gehörte zu den Kursraketen am Neuen Markt, Anleger verloren später alles. Concord Effekten, die Emissionsbank des Betrugsunternehmens, zog einen Prozess durch immer neue Gutachten in die Länge. Am Ende zahlte Concord in einem Vergleich an 45 Aktionäre zusammen 41.000 Euro, nachdem weitere Ansprüche verjährt waren. Prüfer von Comroad war KPMG, die die von Anfang bis Ende erlogenen Bilanzen von Comroad-Chef Bodo Schnabel abgesegnet hatten. Nach Comroad versprach der Bund Besserung. Doch das waren nur leere Worte.

Die Bilanzen von Bastei Lübbe

Bei einer weiteren Anlegertäuschung war wieder KPMG im Spiel. 2016 flog bei Bastei Lübbe eine massive Bilanzschiebereien auf. Der Kurs des Kölner Buchverlages sackte ab und hat sich bis heute mehr als geviertelt. Die unter politischem Beschuss stehende Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) machte übrigens bei Bastei ihren Job: Gleich zwei Mal musste die Bilanz auf Druck der DPR geändert werden. Allerdings gab es bis heute keine Sanktionen gegen den Wirtschaftsprüfer oder die inzwischen komplett abgetretene Bastei-Führungsriege von Vorstand und Aufsichtsrat.

BaFin nach Containerpleite P&R verklagt

Unter Druck steht die BaFin im Zusammenhang mit der Containerpleite von P&R. Die Berliner Anwaltskanzlei Schirp ist der Auffassung, dass die BaFin im Zusammenhang mit der Insolvenz von P&R ihre Amtspflicht verletzt habe und Anleger entschädigen müsste. Die Schadenersatzklage läuft seit Ende vergangenen Jahres. Bei der rund 3,5 Milliarden Euro schweren Pleite von P&R soll die BaFin über die rein formale Prüfung hinaus keine weiteren Informationen angefordert haben.

Untreue bei HSH Nordbank?

Kritik an der BaFin hagelt es auch wegen ihrer Rolle bei der HSH Nordbank. Die mit Milliarden an Steuergeldern gestützte und dann an Finanzinvestoren verscherbelte Landesbank wurde von Personen geführt, deren Qualifikation zweifelhaft ist. Die Eignungsprüfung für Bankvorstände liegt bei der BaFin. Beim angedachten Börsengang der HSH sei es zur Schönung von Bilanzpositionen gekommen. Die BaFin hat das verschlafen. Eine 2018 wegen des Vorwurfs des schweren Pflichtenverstoßes und der Untreue im Zusammenhang mit dem Verkauf der HSH an Finanzinvestoren gebrachte Anzeige ist nicht entschieden.

Libor-Manipulation: Nur ein Rüffel für Deutsche Bank

2013 kassierte die Deutsche Bank nach einer BaFin-Untersuchung im Zusammenhang mit der Manipulation des Zinssatzes Libor nur einen Rüffel. Den Libor, der damals und zuvor über Jahrzehnte wichtigste Zins, hatten zahlreiche Banken abgesprochen. Am Libor hingen Anlagen und Kredite in zweistelliger Billionenhöhe. In Großbritannien und den USA zahlte die Deutsche Bank dagegen eine Rekordstrafe über 2,5 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit dem Libor-Pfusch.

Hypo Real Estate toppt alles

Ein noch größerer Fall als Wirecard ist die Pleite der Hypo Real Estate (HRE), die während der Finanzkrise mit 130 Milliarden Euro Steuergeld abgeschirmt werden musste. Aufgrund der komplexen Holdingstruktur der HRE rechtfertigte die BaFin, dass sie hier nur eingeschränkte Durchgriffsmacht gehabt habe.

AHBR-Pleite gerade noch verhindert

Verklagt wurde die BaFin im Fall der Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden AG (AHBR): Die Anlegervereinigung PIA hatte Akteneinsicht verlangt, nachdem die AHBR aufgrund von Verlusten Genussscheine nicht bedient hatte. Letztendlich entschieden die Gerichte auch zugunsten von PIA. Eine Pleite konnte aber nur vermieden werden, indem die AHBR an den umstrittenen US-Investor Lone Star verscherbelt wurde.

Skandal-Börsengang Hess

Hohe Welle schlug der Börsengang (IPO) der Leuchtenfirma Hess. Zum IPO wurde mit Tricks künstlich Nachfrage erzeugt. Hess ging nur vier Monate nach ihrem Börsengang Ende 2012 pleite. Erst dann wurde die BaFin aktiv. Die Aufseher forderten unter anderem die Korrespondenz zum Börsengang von Hess von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) an. Später stellte sich heraus, dass die Hess-Bilanz massiv geschönt war. Aktionärsklagen wurden verworfen, die LBBW kam mit ihrer Ansicht durch, dass der Prospekt zum IPO formal korrekt gewesen sei. Die Form wurde gewahrt. Manipulierte Zahlen spielen dabei keine Rolle.

Bäcker Frick im Knast

Ins Gefängnis musste Markus Frick. Der gelernte Bäcker hatte sich zum Börsenguru und Buchautor mit eigener Fernsehsendung bei N24 aufgeschwungen. Die in von ihm vertriebenen Börsenbriefen gepriesenen Unternehmen waren wertlose Pennystocks. Das wusste in der Finanzszene jeder. Mehr als 20.000 Anleger hatten nach BaFin-Ermittlungen für 760 Millionen Euro Papiere erworben. Für viele Kleinanleger gab es den Totalverlust. Das Landgericht Frankfurt verurteilte Frick im Februar 2014 wegen vorsätzlicher Manipulation von Aktienkursen zu zwei Jahren und sieben Monaten Gefängnis.

Fxdirekt und S&K

Zweifelhafte Geschäftsmethoden brachten die Fxdirekt-Bank in Bedrängnis. Im Kern ging es darum, ob Händler des Online-Brokers die Preise für außerbörsliche Produkte im Rahmen hielten – oder ob sie zum Nachteil der Kunden übertrieben hatten. Ende 2012 machte die Finanzaufsicht die Bank zu. In den Jahren zuvor sollen BaFin-Prüfer in Fallen getappt sein. Bevor die angemeldeten Prüfer anrückten, wurden informierte Mitarbeiter versetzt. Andere liessen sich krankschreiben.

Jonas Köller und Stephan Christoph Schäfer, die mit der S&K-Immobiliengruppe ein klassisches Schnellballsystem aufgezogen hatten, wanderten in den Knast. Die BaFin hatte auch hier im Tiefschlaf gelegen.

Psychologe prellte 5.000 Anleger

Der Psychologe und Sozialpädagoge Helmut Kiener aus Aschaffenburg atmete auch gesiebte Luft: Im Juli 2011 wurde er in Würzburg zu einer Haftstrafe von zehn Jahren und acht Monaten verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Kiener bis zum Jahr 2009 mit manipulierten Fonds fast 5.000 Privatanleger und Banken um rund 300 Millionen Euro geprellt hate.

KTG-Chef Hofreiter kam gut davon

Anleger der KTG-Agrar-Gruppe, die mit der Mutter, der Tochter KTG Energie und diversen Anleihen ein großes Rad an der Börse drehte, verloren ihr Geld. Unter den Augen der BaFin. Die Räder des Unternehmens trieben nur heiße Luft an. Chef Siegfried Hofreiter machte in Masse, kaufte riesigen Ländereien in Ostdeutschland. KTG ging schließlich pleite – vor den Augen der Öffentlichkeit und Aufsicht. Im September 2016 nahm die Staatsanwaltschaft Hamburg Ermittlungen gegen Hofreiter wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung auf. Ende 2018 wurde das Verfahren gegen ihn und sieben weitere Führungskräfte von KTG vor dem Landgericht Hamburg eröffnet – es endete im Juni 2019 - mit einem stillschweigendem Vergleich.

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