Nouriel Roubini

Der Hexer von New York: Das wird passieren

"Die Welt wird sich auf eine Art und Weise ändern, die wir uns jetzt nicht einmal vorstellen können"

Nouriel Roubini wurde weltberühmt, nachdem er die Weltfinanzkrise 2008 vorhergesagt hatte

.uspg
US PRESS GROUP

Nouriel Roubini macht seinem Ruf als Crashprophet alle Ehre. Er sagt Inflation und ein Jahrzehnt der Verzweiflung voraus. Doch bei der Geldanlage rät er zu Besonnenheit – und taktischem Vorgehen: Erst Staatsanleihen kaufen, in ungefähr zwei Jahren auf Gold wechseln.

Roubini wurde weltberühmt, nachdem er die Weltfinanzkrise 2008 vorhergesagt hatte. Der Ökonom holte sich mit seinen düsteren Vorhersagen den Spitznamen "Dr. Doom". Doch der Professor von der New York University (NYU) kann auch optimistisch sein. Mit der Prognose der Aktienmärkte hatte Roubini dieses Jahr ein erstaunlich gutes Gespür. Am 15. Januar, als noch niemand im Westen vom Coronavirus gehört hatte, warnte er davor, dass der Markt überkauft sei und eine Korrektur anstehe: "Mein Boom-Bust-Signal schrie förmlich, dass eine Blase am US-Aktienmarkt entstanden und ein Crash um bis zu 30 Prozent wahrscheinlich sei." Einen Monat später crashte die Börse um 35 Prozent. Am 17. März prognostizierte er eine Bodenbildung und Erholung – seitdem stiegen die Kurse um 30 Prozent.

Wie geht es weiter? "In diesem Jahr geht es darum, sein Vermögen zu retten." Die Rettungsaktionen der Notenbanken aufgrund der Coronakrise würden zusammen mit der Deglobalisierung durch den Streit zwischen den USA und China mittel- bis langfristig zu Inflation führen - und damit die hohen Schulden der Industrienationen untragbar machen. Also Gold kaufen, den klassischen Inflationsschutz? "Was in den kommenden sechs Wochen passiert, ist etwas ganz anders als das, was ich in zwei Jahren erwarte", sagt Roubini. "Noch ist die Zeit nicht reif für Gold."

Roubini erwartet, dass sich die Wirtschaft bestenfalls in einem U erholt, nicht in einer schnellen V-förmigen Kurve, wie die Mehrheit an Wall Street hofft. Entsprechend steckt aktuell wieder zu viel Hoffnung in den Kursen: "Die Märkte müssen in diesem Jahr um 20 bis 25 Prozent nach unten korrigieren, wenn denen allen klar wird, wie sehr die Gewinne und das Wachstum im zweiten Quartal enttäuschen werden."

Der Ökonom rät für die kommenden zwei Jahre zu einem Asset-Mix aus 75 Prozent Anleihen und 25 Prozent Aktien. Die größten Chancen sieht er in Staatsanleihen. Er rät zu deutschen, amerikanischen oder schweizerischen Papieren: "Bloß keine italienischen", warnt er. Staatsanleihen seien selbst in Zeiten von negativen Zinsen interessant. Ginge die Rendite von minus 30 Basispunkten auf minus 130, ergäbe das eine Preisanstieg um zehn Prozent.

In Zeiten von steigender Inflation seien weder Aktien noch Immobilien gute Investments: "Die Erträge sehen nur nominal toll aus. Nach dem Abzug der Inflationsrate bleiben die Renditen wie bisher." Er warnt, dass die Entwicklung riskanter Investments in Perioden der Inflation unklar sei: "Bei hohen realen Zinsen killt die Inflation den Aktienmarkt. In den Siebzigerjahren bescherte uns das einen zwei Jahrzehnte andauernden Bärenmarkt für US-Aktien."

Dann erst sei die Zeit reif für Gold: "Erst wenn echte Inflation einsetzt, sollte man Gold und andere Güter wie Forstland oder Ackerland kaufen", rät er. Gold mache eine riesigen Satz, wenn die Inflation außer Kontrolle gerate. Bis dahin werde Gold positive Erträge bringen, zumal auch geopolitische Ereignisse wie Sanktionen gegenüber China den Goldpreis treiben könnten.

2008 gründete er das Analysehaus Roubini Global Economics mit 60 Analysten, das er aber 2018 wieder schloss: "Ich war nur noch unterwegs und musste meine Mitarbeiter managen, statt das zu tun, was ich liebe – selbst zu analysieren", sagt Roubini. Jetzt ist das Analysehaus unter Continuum Economics zu finden.

Die aktuelle Krise begleitet er mit einem kostenpflichtigen Podcast. Gegen ein Abo von 50 Dollar im Monat kann man zwei 90-minütige Vorträge pro Woche zu aktuellen Fragestellungen anhören – sei es über die Zukunft des Euro oder den Ölpreis. "Ich bereite mich mit einem Team von zehn Leuten intensiv auf ein Thema vor", sagt Roubini. "Der Podcast ist wie ein Intensivkurs in Makroökonomie auf dem Niveau eines Master-Studienganges."

Roubini bereitet sich auch persönlich auf schwierige Zeiten vor. Der New Yorker erwartet, dass in Manhattan die Hälfte aller Restaurants und kleinen Boutiquen die Coronakrise nicht überleben können: "Es wird ein Schock. Eine immense Herausforderung. Die Welt wird sich auf eine Art und Weise ändern, die wir uns jetzt nicht einmal vorstellen können." Der Volkswirt zieht Aesops Fabel von der emsigen Ameise und der Grille heran, die den Sommer über musizierte: "Man sollte jetzt lieber die Ameise sein als die Grille. Und für die schwierigen Zeiten, die voraus liegen, sparen. Jeder muss über sein Überleben in der Welt nachdenken."