Wirecard

Chef Markus Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück

Auf den Rücktritt Brauns reagierten Anleger positiv: Die Kursverluste konnten bis zum frühen Nachmittag auf gut 30 Prozent begrenzt werden, die Aktie notierte bei 28 Euro

.gpg
GERMAN PRESS GROUP

Wirecard-Chef Markus Braun tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Das teilte der Zahlungsdienstleister an diesem Freitag mit. Zum Interims-CEO wird James Freis berufen, der erst einen Tag zuvor sein Amt als neuer Compliance-Vorstand angetreten hatte.

Das Desaster an der Börse für Wirecard geht derweil weiter: Die im Dax notierten Titel des Zahlungsdienstleisters brachen an diesem Freitag erneut um fast die Hälfte ein und notierten zwischenzeitlich bei 19,26 Euro und damit unterhalb der psychologisch wichtigen Marke von 20 Euro. In nur eineinhalb Tagen verlor der im Zentrum eines milliardenschweren Bilanzskandals stehende Konzern damit zeitweilig gut zehn Milliarden Euro an Wert.

Auf den Rücktritt Brauns reagierten Anleger positiv: Die Kursverluste konnten bis zum frühen Nachmittag auf gut 30 Prozent begrenzt werden, die Aktie notierte bei 28 Euro.

Das Abrutschen des Aktienkurses war wohl auch entscheidend für Brauns Rücktritt. Diesen habe der CEO am Freitag im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat selbst angeboten, hieß es aus Finanzkreisen. Braun habe von sich aus eingesehen, dass sein Verbleiben auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden nicht mehr tragbar gewesen sei.

Braun betonte in einer Erklärung den „persönlichen Entschluss“, „als CEO der Wirecard AG mit sofortiger Wirkung und im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat zurückzutreten. Ich habe heute Morgen den Aufsichtsratsvorsitzenden über meine Entscheidung informiert.“

Zu den Gründen führt er aus: „Das Vertrauen des Kapitalmarktes in das von mir seit 18 Jahren geführte Unternehmen ist tief erschüttert. Mit meiner Entscheidung respektiere ich, dass die Verantwortung für alle Geschäftsvorgänge beim CEO liegt. Wie den meisten von Ihnen bekannt ist, bin auch ich als Aktionär persönlich von den Ereignissen der letzten Tage, Wochen und Monate massiv betroffen.“

Seine Botschaft verband Braun mit einem Ausblick: „Die Wirecard AG verfügt über ein ausgezeichnetes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine großartige Zukunft. Diese Zukunft möchte ich nicht belasten.“

Dem Rücktritt waren dramatische Stunden in der Konzernzentrale in Aschheim vorausgegangen. Der vierköpfige Vorstand und Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann hatten zuvor fast zwei Tage lang ununterbrochen zusammengesessen und über die sich abzeichnende Hiobsbotschaft beraten.

Bereits von Mittwoch auf Donnerstag soll das Top-Management fast die komplette Nacht über teils sehr emotional diskutiert haben, um den drohenden Schaden aufgrund der Erkenntnisse des Wirtschaftsprüfers EY noch abzuwenden.

„Markus Braun dachte noch zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht daran, abzutreten und war sich keiner Schuld bewusst“, heißt es aus dem Umfeld des Unternehmens. Er hoffte noch darauf, dass etliche langjährige Investoren zu ihm stehen würden. Mit deren Unterstützung und seinem eigenen Aktienanteil von mehr als sieben Prozent konnte er sich in der Vergangenheit stets einer Mehrheit sicher sein.

Noch in der Nacht zu Freitag hatte der Wirecard-Vorstand mit einer Videobotschaft versucht, die Lage zu beruhigen. CEO Braun äußerte dort die Vermutung, Wirecard selbst sei zum Opfer in einem „Betrugsfall erheblichen Ausmaßes“ geworden. Völlig unklar ist derzeit, an welcher Stelle es zu dem vermuteten Milliardenbetrug gekommen sein soll. Möglich ist, dass der asiatische Treuhänder Wirecards Gelder verschwinden ließ und für die von EY gerügten gefälschten Bankbelege verantwortlich ist.

Es könnten aber auch eine oder mehrere Personen innerhalb des Konzerns selbst für den Betrug verantwortlich sein, etwa in dem Fall, dass die vermissten 1,9 Milliarden Euro ganz oder in Teilen nicht existent gewesen sind.

Im zweieinhalbminütigen Video war der beurlaubte Organisationsvorstand Jan Marsalek nicht mehr zu sehen, dafür stand an Brauns Seite bereits sein heutiger Nachfolger, der neue Compliance-Vorstand James Freis – als einziger nicht in Schwarz gekleidet.

Heftig unter Druck steht auch die Aufsichtsrätin Anastassia Lauterbach. Sie leitet in dem aktuell fünfköpfigen Gremium den Ausschuss für Risk und Compliance. In den Zuständigkeitsbereich der ehemaligen Bereichsvorständin der Deutschen Telekom und inzwischen selbständigen Unternehmensberaterin fällt somit auch die Aufsicht über wirtschaftliche Risiken und gute Unternehmensführung.

Dieser Bereich wurde bereits explizit von den Sonderprüfern von KPMG in ihrem Ende April vorgelegten Bericht gerügt. In der offiziellen Stellungnahme zu den Vorwürfen machte Wirecard damals zwar in einigen Punkten deutlich, dass man anderer Auffassung ist.

Dem Vorwurf großer Mängel in Organisation und Compliance wurde jedoch nicht widersprochen. Lauterbach gehört seit 2018 dem Wirecard-Aufsichtsrat an und hat einen Vertrag bis 2021. Im Gespräch ist, dass Hauke Stars künftig diesen Ausschuss für Risk und Compliance leiten soll. Die bisherige Vorständin der Deutschen Börse soll bei der anstehenden Hauptversammlung Ende August in das Aufsichtsgremium gewählt werden. Das ist seit Ende April bekannt.

Markus Braun ist zwar nicht der Gründer von Wirecard, aber er prägte den Konzern seit 20 Jahren als CEO und Technologiechef (CTO). Braun, 51 Jahre alt, ist studierter Wirtschaftsinformatiker, promovierter Sozialwissenschaftler und ehemaliger KPMG-Berater. Er stieß zu Wirecard, als das Unternehmen noch als gescheiterte New-Economy-Firma galt und unter anderem Telefonhotlines anbot. Er richtete die Firma, deren CEO er 2002 wurde, in der Folge ganz auf den Wachstumsmarkt Zahlungsabwicklung aus.

„Die Digitalisierung ist eine unglaubliche Chance“, war seine Devise auf zahlreichen Podien. Nach SAP wollte er das zweite global erfolgreiche deutsche Technologieunternehmen schmieden. Wirecard wuchs Jahr für Jahr um 30 Prozent, zog im September 2018 sogar in die oberste Börsenliga, den Dax ein und machte viele Anleger reich.

So erfolgreich Braun war, so umstritten war er auch. Wirecard musste sich unter seiner Führung seit vielen Jahren mit Vorwürfen der Bilanzmanipulation und anderen Unregelmäßigkeiten befassen. Braun wies die Vorwürfe stets zurück: Sie würden von Shortsellern – also Akteuren, die auf einen Kursverfall setzen – bewusst und unrechtmäßig in die Welt gesetzt, um den Aktienkurs in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Im Zuge der seit 2019 von der „Financial Times“ erhobenen Vorwürfe stieg der Druck jedoch kontinuierlich an. Braun begegnete ihnen mit der Einsetzung einer KPMG-Sonderprüfung. Die Wirtschaftsprüfer fanden zwar keine Belege für eine Bilanzmanipulation, konnten die Vorwürfe jedoch auch nicht restlos entkräften. Die Deka, die Fondsgesellschaft der Sparkassen, forderte Brauns Rücktritt, auch andere Großinvestoren wie Union Investment gingen auf Distanz.

Die vierte Verschiebung der Vorlage der Jahreszahlen am Donnerstag, das gravierende Urteil des Jahresprüfers Ernst & Young (EY), der fehlende Belege für einen Betrag von 1,9 Milliarden Euro rügte, und der darauffolgende Aktienkursabsturz haben Braun nun offenbar untragbar gemacht.

Am Donnerstag war bereits der wichtige Partner und avisierte Ankerinvestor Softbank auf Distanz zu Braun gegangen. Das war – ein gravierender Schritt, hatte die Partnerschaft mit Softbank doch immer als Ausweis von Brauns Weitsicht und strategischem Geschick, aber auch als Beleg für die Solidität seines Unternehmens gegolten.

Auch bröckelte im Laufe des Donnerstags die Zustimmung weiterer Investoren. Nachdem die Aktie zeitweise 70 Prozent ihres Wert einbüßte, rückten die Vertrauten reihenweise von Braun ab, heißt es aus seinem Umfeld. Auch weil sie von ihm keine schlüssigen Antworten auf den Verbleib der mehr als 1,9 Milliarden Euro bekamen. Ein großer institutioneller Anleger etwa bezeichnete den Rücktritt als „unabdingbar, um den Weg zu einer dringend notwendigen größeren Unabhängigkeit in der Unternehmensführung zu ebnen“.

Wirecard-Kunden blicken ebenfalls sehr genau auf die Vorgänge im Unternehmen. Der Onlinehändler Rakuten erklärte auf Handelsblatt-Anfrage: „Wir sind sehr besorgt über die aktuellen Nachrichten bei Wirecard und beobachten die Entwicklungen der letzten Monate und insbesondere der letzten Tage sehr genau.“

Den Mitarbeitern von Wirecard, aber auch für die deutsche Wirtschaft, insbesondere der Digitalindustrie, wünsche Rakuten, dass die aktuellen Unsicherheiten bald gelöst werden könnten..

„Rakuten Deutschland steht in dieser Angelegenheit in engem Kontakt mit allen internen und externen Ansprechpartnern und überprüft die verschiedenen Optionen“, teilte die Firma weiter mit. Über die Zusammenarbeit mit Wirecard wollte sie sich aber nicht äußern.

Wirecard wickelt für Händler sowohl Onlinezahlungen als auch Zahlungen an der Ladenkasse ab. Zu den Kunden beispielsweise Aldi Süd. Der Discounter teilte auf Anfrage mit, er stehe mit Wirecard in Verbindung, „um den Sachverhalt zu klären“. Spekulationen wolle man nicht kommentieren.

Wirecard wickelt für Aldi Süd Zahlungen mit Kreditkarten und internationalen Debitkarten in den Deutschland-Filialen ab. Das allerdings ist nur ein kleiner Teil der Zahlungsdienstleistungen, die der Discounter benötigt. Die meisten Aldi-Kunden, die an der Ladenkasse bargeldlos zahlen, nutzen die Girocard, besser bekannt unter ihrem alten Namen „EC-Karte“, nicht aber die Kreditkarte. So nennt etwa Payone, das Gemeinschaftsunternehmen der Sparkassen und des französischen Zahlungsdienstleisters Ingenico, Aldi Süd als einen Kunden.

Zu den Kooperationspartnern von Wirecard gehören auch die beiden großen Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa. Auf Anfrage erklärte Mastercard: „Wir verfolgen die Entwicklung, werden uns aber nicht zu Kundengesprächen oder der Situation bei einzelnen Kunden äußern.“ Privatkunden bietet Wirecard über seine Banking-App Boon auch eine Debit-Mastercard an.

Mit Visa kooperiert Wirecard seit Längerem. Erst Ende April gaben beide Unternehmen bekannt, dass sie bei Zahlungsabwicklungen für Finanz-Start-ups im Nahen Osten zusammenarbeiten.

Auch auch aus Kreisen der Gläubigerbanken von Wirecard heißt es, das Vertrauen in das Top-Management von Wirecard sei stark erschüttert worden. Allerdings sei kein zusätzlicher Druck notwendig gewesen, um Braun zum Rücktritt zu bewegen, dieser Druck sei ohnehin schon groß genug gewesen.

Die Geldhäuser spielen eine Schlüsselrolle, was die Zukunft von Wirecard angeht: Denn am Donnerstag warnte der Zahlungsabwickler, dass Kredite von bis zu zwei Milliarden Euro gekündigt werden könnten, wenn der geprüfte Jahresbericht nicht am heutigen Freitag veröffentlicht würde.

Vor rund zwei Jahren hatte Wirecard mit einem Konsortium aus deutlich mehr als zehn Banken eine bis Juni 2024 laufende sogenannte revolvierende Kreditlinie über 1,75 Milliarden vereinbart. Ein revolvierender Kredit kann bis zu einer vereinbarten Höhe beliebig oft abgerufen werden.

Erst am Ende der Vertragslaufzeit muss dass Darlehen inklusive Zinsen zurückgezahlt werden. Als sogenannte Lead Aranger der Kreditlinie fungieren die Commerzbank, die französische Crédit Agricole und die beiden niederländischen Großbanken ABN Amro und ING.

Eine schnelle Kündigung der Kreditlinie scheint allerdings derzeit wenig wahrscheinlich. Die Banken stünden in intensivem Kontakt mit Wirecard und hätten einen strukturierten Prozess gestartet, heißt es in Finanzkreisen. Jetzt gehe es erst einmal darum, sich einen möglichst detaillierten Überblick über die Bilanz und die Finanzlage zu verschaffen.

Am Freitagnachmittag äußerte sich schließlich der Konzern aus Aschheim offiziell zu den laufenden Gesprächen mit seinen Gläubigerbanken: „Die Wirecard AG kann bestätigen, dass sich das Unternehmen in konstruktiven Gesprächen mit seinen kreditgebenden Banken befindet hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung“, lautete die knappe Mitteilung.

Prinzipiell sei es in solchen Fällen nicht im Interesse der Banken, Kredite sofort fällig zu stellen, erläuterten Kenner der Materie das wahrscheinliche Szenario. Besser sei es, den Betrieb aufrechtzuerhalten und nach einer konstruktiven Lösung zu suchen. Deshalb seien im Fall von Wirecard Stand jetzt keine Schnellschüsse zu erwarten.

Für die Banken selbst halte sich angesichts der Größe des Konsortiums die Gefahr in überschaubaren Grenzen, hieß es in den Finanzkreisen. Außerdem habe Wirecard nicht die gesamte Kreditlinie gezogen: Daten der Nachrichtgenagentur Bloomberg zufolge stehen noch etwa 800 Millionen Euro zur Verfügung. Das Unternehmen hatte einen Teil der Kreditlinie durch eine Anleiheemission von 500 Millionen Euro im letzten Jahr zurückgezahlt.

Anlegerschützer begrüßten die Demission des Wirecard-Chefs. „Der Rücktritt ist konsequent und überfällig“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler, der Nachrichtenagentur Reuters. Durch den Abgang von Vorstandschef Markus Braun sei der Weg für eine Aufklärung freier geworden.

Mit Blick auf die Berufung Freis zum Interims-Chef erklärte Tüngler: „Das kann aber erst der Anfang sein. Wir erwarten weitere Schritte. Vor allem muss geklärt werden, wo das Geld geblieben ist.“

Die Ungereimtheiten bei Wirecard haben bei Aufsichtsräten Sorgen vor einer Beschädigung des Börsenstandorts Deutschland ausgelöst. „Der Fall macht einen sprachlos. Die Kontrollmechanismen haben offenbar versagt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD), Peter Dehnen.

Zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sei es bislang nicht gelungen, Klarheit zu schaffen. Die offenen Fragen müssten rasch geklärt werden. „Geschieht dies nicht oder erweist sich, dass die genannten Gelder weg sind, werden noch mehr aus der Aktie aussteigen.“ Schon jetzt sei der Börsenwert so stark gefallen, dass ein Investor das Unternehmen vergleichsweise günstig übernehmen könnte.

Read more

Ermittler prüfen Millionenkredit zwischen Vorständen

Im Bilanzskandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard nimmt die Staatsanwaltschaft München ein millionenschweres Darlehen zwischen den früheren Vorständen Markus Braun und Jan Marsalek unter die Lupe.

Justiz sichert Vermögen ehemaliger Wirecard-Chefs

Die Staatsanwaltschaft erwirkt Arrestbeschlüsse gegen vier Ex-Manager und drei Firmen. Damit friert sie einen dreistelligen Millionenbetrag ein.

Betrugsskandal kostet über 700 Mitarbeiter den Job

Der Betrugsskandal bei Wirecard hat jetzt auch für zahlreiche Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters Konsequenzen. Rund 730 von insgesamt 1.300 Beschäftigte wird gekündigt, teilte Insolvenzverwalter Michael Jaffé am Dienstag mit. Auch alle Vorstände werden entlassen.

Ermittler erhöhen Druck auf verbliebene Vorstände

Die Staatsanwaltschaft prüft den Vorwurf der Untreue gegen Alexander von Knoop und Susanne Steidl. Sie äußern sich dazu nicht – und kommen weiter ins Büro. Mitarbeiter schildern gespenstische Szenen.