Alexander Falk

4 1/2 Jahre Haft: Aber auf freiem Fuß

Der Unternehmer Alexander Falk sitzt bereits seit 22 Monaten in Untersuchungshaft, hat damit schon einen großen Teil der Strafe verbüßt

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Es ist 11.58 Uhr, als zwei Justizbeamte Alexander Falk am Donnerstag in Saal II des Frankfurter Landgerichts führen. Die ersten Zuschauer warten dort schon seit 8 Uhr auf den Erben des berühmten Stadtplanverlags. Ein gutes Dutzend Kameramänner hat sich vor seinem Platz positioniert.

Falk wirkt konzentriert, wie zumeist während der mehr als 40 Verhandlungstage, die der Prozess gegen ihn inzwischen dauert. Der 50-Jährige trägt ein blaues Hemd, die Ärmel hat er hochgekrempelt. Falk führt die Hand zu den Lippen, blickt dann in Richtung einiger Bekannter im Zuschauerraum.

Kurz darauf verkündet Richter Jörn Immerschmitt das Urteil: vier Jahre und sechs Monate Haft wegen Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung. Der Haftbefehl wurde aber aufgehoben. Als Falk das hört, hält er seinen Anwälten die Faust zum Abklatschen hin. Er ist damit zumindest vorerst auf freiem Fuß.

Der Unternehmer sitzt bereits seit 22 Monaten in Untersuchungshaft, hat damit schon einen großen Teil der Strafe verbüßt. Das reduziere den Fluchtanreiz erheblich, führte Immerschmitt in der Urteilsbegründung aus.

Es ist das vorläufige Finale eines bizarren Prozesses, in dem es um Gier, Gewalt und den schier unaufhaltsamen Absturz des einstigen Vorzeigeunternehmers ging. Kern des Verfahrens war ein Schuss auf den Juristen Wolfgang J., der diesen im Februar 2010 schwer am Oberschenkel verletzte.

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Falk den Anschlag in Auftrag gegeben hat. Immerschmitt nannte die Tat einen „Angriff auf den Rechtsstaat“.

Falk, der schon im Alter von 31 Jahren zu den 100 reichsten Deutschen gehörte, war ins Visier der Ermittler geraten, da J. damals an einer Schadensersatzklage gegen ihn arbeitete. Es ging um manipulierte Umsätze beim Verkauf der Firma Ision im Jahr 2000. Das Landgericht Hamburg hatte Falk nach einem Mammutprozess zu vier Jahren Haft verurteilt. J. wollte in einem Zivilverfahren Millionen von ihm zurückfordern.

Jahrelang gab es keine belastbaren Hinweise, die auf Falk als Drahtzieher des Anschlags deuteten. Bis sich Kronzeuge Etem E. 2017 bei der Polizei meldete. Er beschuldigte den Millionär, den Angriff auf J. in einem Hamburger Steakhaus in Auftrag gegeben zu haben.

E. legte auch ein Tonband vor, auf dem zu hören ist, wie Falk sagt, es sei die „einzig richtige Konsequenz“ gewesen, „dem ins Bein zu ballern“. Er habe „echt gejubelt“. Im September 2018 wurde der Unternehmer festgenommen. Seither befindet er sich in Untersuchungshaft.

Es war ein denkwürdiges, an Kuriositäten und Wendungen reiches Verfahren. Grotesk wurde es beispielsweise, als Kronzeuge E. von maskierten und schwer bewaffneten Polizeibeamten in den Gerichtssaal geleitet wurde. Einer von Falks Verteidigern sprang auf und rief, er wolle sich nicht erschießen lassen und werde den Saal verlassen, wenn die Beamten den Raum nicht verließen.

Oder als Falks Hauptverteidiger Björn Gercke mitten in der Verhandlung seine Robe gegen ein Sakko tauschte, um in einem Elektronikmarkt einen Beamer für 299 Euro zu kaufen. Richter Immerschmitt hatte zuvor versäumt, ein funktionstüchtiges Gerät zu organisieren.

Am Ende forderte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft, die Verteidiger plädierten auf Freispruch. Falk hatte zwar eingeräumt, die Brüder Cihan und Niyazi B. aus dem Drogenmilieu beauftragt zu haben, bei J. Daten zu stehlen. Mit den Informationen wollte er in dem Hamburger Verfahren seine Unschuld beweisen.

Doch alles andere, was geschah, damit will Falk nichts zu tun gehabt haben. Nicht mit den Drohanrufen bei J., nicht mit dem Einbruchsversuch in dessen Privathaus. Und erst recht nicht mit dem Anschlag.

Falks Hauptverteidiger Björn Gercke hatte vieles vorgebracht, was die ursprüngliche Theorie der Anklage erschütterte: Nicht nur, dass Kronzeuge E. sechs Mal im Zeugenstand Platz nehmen musste, weil seine Ausführungen unglaubwürdig klangen.

Gutachten belegten auch, dass das von ihm vorgelegte Tonband an mehreren Stellen geschnitten wurde.

Der vorbestrafte E., der auch in enger Verbindung zu den Brüdern B. steht, profitierte zudem von einer Belohnung in Höhe von 100.000 Euro. Die hatten die Arbeitgeber des Anwalts vor dem Prozess ausgelobt.

Im weiteren Prozessverlauf änderte zudem ein Zeuge, der Falk zunächst belastet hatte, seine Aussage zugunsten des Unternehmers. Und ein möglicher Informant, der Falk angeblich entlasten konnte, zerbiss vor den Augen der Polizei einen USB-Stick, auf dem sich Entlastungsmaterial befunden haben soll. Welche Person letztlich den Schuss auf Anwalt J. abgab, ist indes bis heute nicht geklärt.

An Falks Untersuchungshaft änderte all das jedoch nichts. Das Gericht hatte die Anklage zwar von Anstiftung zum Mord auf eine mutmaßliche Anstiftung zur Körperverletzung herabgestuft. Einen Freispruch lehnte die Kammer aber ab.

Sie sah es als erwiesen an, dass der „vorbestrafte Betrüger“ Falk einem unliebsamen Anwalt ins Bein schießen ließ, wie Richter Immerschmitt den Fall zusammenfasste. Zwar gebe es Zweifel am konkreten Tathergang, schließlich gebe es kein Geständnis Falks und keine Beweismittel, die genaue Rückschlüsse zuließen. Entscheidend seien „mehrere belastende Indizien“ gewesen.

Am Ende waren es neben dem Auftrag zum Datendiebstahl vor allem drei Punkte, die das Gericht an Falks Schuld glauben ließen. Da sei erstens die Aussage des Opfers J., der noch auf der Pritsche im Krankenwagen sagte, dass nur Falk hinter dem Anschlag stecken könne.

Zweitens das Tonband, auf das Immerschmitt auch in seiner Urteilsbegründung verwies. Die Aufnahme ist zwar geschnitten, zeige aber nichtsdestotrotz die Schadenfreude des Angeklagten über den Schuss auf den Anwalt.

Und dann sei da noch die sogenannte Oma-SMS auf Falks Handy. In der war die Rede von einem Kuraufenthalt, den „die Oma“ nun erhalte. Die Kammer ordnete diese Mitteilung wegen „typischer Orthografiefehler“ den Gebrüdern B. zu und vermutete darin die Ankündigung eines Angriffs auf J.

Der Zeitablauf hat wiederum strafmindernd für Falk gewirkt: „So schlimm die Tat auch ist, sie liegt zehn Jahre zurück“, sagte Richter Immerschmitt in seiner Urteilsbegründung. Der Unternehmer und seine Familie hätten die ganze Zeit über im Fokus der Öffentlichkeit gestanden, was sicherlich emotional anstrengend gewesen sei. Hinzu seien die erschwerten Haftbedingungen wegen der Corona-Pandemie gekommen.

Falk kann nun noch darauf hoffen, dass der Bundesgerichtshof das Urteil kippt. Seine Anwälte haben bereits angekündigt, gegen das Urteil vorzugehen zu wollen. Dann wird Verteidiger Gercke wohl auch erneut beantragen, das inzwischen in der Türkei lebende Brüderpaar B. als Zeugen zu hören. Der Anwalt kämpft schon seit einem Jahr darum, dass die Männer geladen werden.

Gercke hält es für möglich, dass die Brüder für die Tat verantwortlich sind. Vielleicht hätten sie Falk erpressen wollen. Vielleicht seien von ihnen im Zusammenhang mit dem Datendiebstahl beauftragte Täter „aus dem Ruder gelaufen“. Dass sein Mandant jemanden zur Körperverletzung angestiftet habe, so der Anwalt, lasse sich aus den Beweisen jedenfalls nicht ableiten.

Richter Immerschmitt hatte zwar mehrfach betont, die Brüder ebenfalls hören zu wollen. Entsprechende Anträge Gerckes lehnte er aber ab, weil der genaue Aufenthalt der Männer nicht bekannt sei. Das Gericht könne sie deshalb nicht zur Vernehmung nach Deutschland holen, so die Begründung.

Bis der Bundesgerichtshof entscheidet, wird einige Zeit vergehen. Falk wird in wenigen Wochen 51, zumindest seinen Geburtstag kann er auf freiem Fuß feiern. Nach dem Urteil suchte er zunächst einmal mit seinen Anwälten einen Italiener auf. Falk bestellte ein großes Steak.

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